Donnerstag, 19. Juli 2018

4.Folge: Die Sechs Vollkommenheiten

4.Folge: Zu Die Sechs Vollkommenheiten
Das sind die Sechs Vollkommenheiten von Buddha, die ich zu üben, mich bemühen sollte. In jeder einzelnen, der sechs sind die übrigen fünf mit enthalten „Intersein“. Verstehen ist Geben, Meditieren ist Geben, tatkräftiges Praktizieren ist Geben, Herzens-weite ist Geben und das praktizieren der Übungswege der Achtsamkeit ist Geben. Wenn ich vollkommenes Geben verwirkliche, praktiziere ich zugleich Verstehen, Meditation usw. In gleicher Weise bedeutet Geben das Üben von Achtsamkeit, wie such Verstehen, Meditation, tatkräftiges Praktizieren und Herzens-weite das tun. In dem ich eine Paramita verwirkliche, praktiziere ich alle sechs. Sind Verstehen und Einsicht in mir, so wird meine Meditation wahre Meditation sein, wird mein tatkräftiges Praktizieren wahres tatkräftiges Praktizieren sein, werden meine Herzens-weite wahre Herzens-weite, mein Üben von Achtsamkeit wahres Üben von Achtsamkeit und mein Geben wahres Geben sein. Verstehen erhöht die Qualität der übrigen fünf Übungen.
Ich führe mir meine Situation vor Augen und erkenne, wie reich ich innerlich bin. Ich werde mir bewusst, dass das, was der gegenwärtige Augenblick mir bietet, ein Geschenk ist. Ich fange sofort an zu üben, ohne länger zu warten. Ich werde mich glücklich fühlen, sobald ich mit dem Üben beginne. Das Dharma ist keine Sache der zeit, komm und prüfe selbst. Der Dharma kann mein Leben transformieren.
Bleibe nicht am Ufer des Leidens stehen, wenn Angst und Sorgen mich überkommen, wenn Depressionen mich niederdrücken oder Zorn mich überwältigt. Ich mache den Schritt hinüber zum Ufer der Freiheit, der Nicht-Angst und des Nicht-Zorns. Praktiziere achtsames Atmen, achtsames Gehen und tiefes Schauen, und ich werde hinüber gelangen zum Ufer der Freiheit und des Wohlseins. Ich darf nicht glauben, dass ich fünf, zehn oder zwanzig Jahre lang üben müsste, bevor ich diesen Schritt tun kann, denn ich habe ihn in diesem Augenblick getan.


Mittwoch, 18. Juli 2018

ZU 3.Folge: Die Sechs Vollkommenheiten

Zu 3.Folge: Die Sechs Vollkommenheiten
Das sechste Blütenblatt der Blume ist prajna-paramita, die Vollkommenheit des Verstehens. Damit ist die höchste Art von Verstehen gemeint, frei von allem Wissen, von allen Vorstellungen, Ideen und Ansichten. Prajna ist die Buddha-Natur in mir. Prajna ist ein Verstehen, das die Kraft hat, mich zum anderen Ufer zu führen, dem Ufer der Freiheit, der Emanzipation und des Friedens. Im Mahayana-Buddhismus wird prajna-paramita die Mutter aller Buddhas genannt. Alle was gut, schön und wahr ist, ist von meiner Mutter prajna-paramita geboren worden.Sie ist in mir lebendig, ich brauche sie nur zu berühren, damit sie sich manifestiert.. Rechte Anschauung ist prjna-paramita. Es gibt eine umfassende Literatur über prajna-paramita. Das Herz-Sutra ist eine der kürzeren Reden zu dieser Thematik. Das Diamant-Sutra und das Sutra in 8000 Versen gehören zu den frühesten Lehrreden dieser Sammlung. Prajna-paramita ist die Weisheit des Nicht-Unterscheidens.
Wenn ich tief in den Menschen schaue, den ich liebe, verstehe ich sein Leiden, seine Schwierigkeiten und auch seine tiefsten Sehnsüchte. Und aus diesem Verstehen heraus erwächst wahre Liebe. Wenn ein anderer auch verstehen kann, fühle ich mich glücklich. Wenn ich einen anderem Verstehen anbieten kann, ist das Ausdruck wahrer Liebe. Der Mensch, der sich von mir verstanden fühlt, blüht auf wie eine Blume, und zugleich fühle auch ich mich belohnt. Verstehen ist die Frucht meines Praktizierens. Tief schauen bedeutet, präsent zu sein, achtsam und konzentriert. Aus tiefem Schauen entwickelt sich Verstehen. Der Buddha lehrt nur, die Wirklichkeit tief zu verstehen.
Lasst mich die Welle an der Oberfläche des Meeres betrachten. Eine Welle ist eine Welle, sie hat einen Anfang und ein Ende. Sie kann hoch oder niedrig, schöner oder weniger schön sein als andere Wellen. Aber eine Welle ist gleichzeitig auch Wasser. Wasser ist Seins-Grund einer Welle. Es ist wichtig, dass eine Welle sich bewusst ist, dass sie Wasser ist und nicht nur eine Welle. Auch ich lebe mein Leben als Einzelwesen. Ich glaube, einen Anfang und ein Ende und ein eigenständiges, von anderen Lebewesen getrenntes Selbst zu haben. Der Buddha riet mir, tief zu schauen, damit ich den Grund meines Seins, Nirwana, berühren kann. Alles, was ist, trägt zutiefst die Natur des Nirwana in sich. Alles ist „nirwanisiert“. Das ist die Lehre des Lotus-Sutra. Durch tiefes Schauen berühre ich die Soheit der Wirklichkeit. Indem ich tief in einen Kieselstein oder eine Blume schaue, in meine eigene Freude, meine Angst, meine Sorgen oder meinen Frieden, berühre ich letzte Dimension meines Seins, und diese Dimension offenbart nur, dass der Grund meines Seins durch Geburt- und Todlosigkeit gekennzeichnet ist.
Ich brauche Nirwana nicht zu erlangen, denn ich ruhe ständig in ihm. Die Welle braucht das Wasser nicht zu suchen, denn sie ist bereits im Wasser. Ich bin eins mit dem Grund meines Seins. Hat die Welle erst einmal erkannt, das sie Wasser ist, verliert sie all ihre Angst. Habe ich erst einmal den Grund meines Seins berührt, habe ich erst einmal Gott oder Nirwana berührt, so erhalte ich Furchtlosigkeit als Geschenk. Furchtlosigkeit ist die Grundlage wahren Glücks. Sie ist das größte Geschenk, das ich anderen machen kann. Jeden Augenblick meines Lebens tief erfahren, den tiefsten Grund meines Seins berühren, das ist die Praxis von prajna-paramita. Prajna-paramita lässt mich das andere Ufer durch Verstehen und durch Einsicht erreichen.
Vollkommenes Verstehen ist in all den anderen Vollkommenheiten gegenwärtig. Vollkommenes Verstehen ist wie ein Keramiktopf. Ist er im Brennofen nicht gut gebrannt worden, so gibt es Sprünge, und die in ihm enthaltene Flüssigkeit läuft aus. Prajna-paramita ist die Mutter aller Paramitas, die Mutter aller Buddhas. Prajna-paramita gleicht den Schwingen eines Vogels. Sie haben die Kraft, ihn überall hinzutragen. Ohne Rechtes Verstehen kann keine der anderen Paramitas sich voll entwickeln.



Montag, 16. Juli 2018

Zu "Die Sechs Vollkommenheiten

Zu „Die sechs Vollkommenheiten“
Die fünfte Blütenpracht ist dhyana-paramita, die Vollkommenheit der Meditation, d.h. Die vollkommene Sammlung. Dhyana heißt auf japanisch „zeu“ auf chinesisch „“dian“, auf vietnamesisch „thien“ und auf koreanisch „“son“. Dhyana, Meditation, hat zwei Aspekte: „Aufhören“ oder „Haltmachen“ „shamatha“ und „Tiefes Schauen“, „vipashyana“. Ich mache mir bestimmte Vorstellungen vom Glück und bin mein ganzes Leben lang auf der Jagd danach. „Aufhören“ bedeutet, Schluss zu machen mit dem ständigen Jagen, Schluss zu machen mit meiner Unachtsamkeit und mich nicht länger von der Vergangenheit und Zukunft gefangennehmen zu lassen. Es bedeutet, heimzukehren in den gegenwärtigen Augenblick, in dem allein Leben wirklich verfügbar ist. Im gegenwärtigen Augenblick sind alle Augenblicke enthalten. In ihm kann ich meine Vorfahren berühren, meine Kinder und Enkel, selbst wenn sie noch nicht geboren sind. Shamatha bedeutet, durch achtsames Atmen, achtsames Gehen und achtsames Sitzen Körper und Gefühle zur Ruhe zu bringen. Samatha bedeutet auch, sich zu sammeln und zu konzentrieren, so dass ich jeden Augenblick meines Lebens tief erlebe und den tiefsten Grund meines Seins berühren kann.
Mit tiefem Schauen ist das Erkennen der wahren Natur der Dinge gemeint. Ich schaue in den Menschen, den ich liebe, und finde heraus, mit was für Schwierigkeiten er sich herumplagt und was ihn leiden lässt oder was für Sehnsüchte er hat. Verstehen können ist eine wunderbare Fähigkeit, aber ebenso wertvoll ist das Vermögen, sein Leben in Achtsamkeit zu führen. Meditieren heißt, alles in Achtsamkeit tun, so wie durch Achtsamkeit stets Verstehen gefördert wird und mein Geist sich sammelt.


Sonntag, 15. Juli 2018

1.Folge zu den "sechs Vollkommenheiten"

1.Folge zu den „Sechs Vollkommenheiten“
(Paramitas)
Das vierte Blütenblatt der Blume Paramitra ist „virya-paramitra“, unter der die Vollkommenheit der Tatkraft, des entschlossenen Bemühens und beharrlichen Praktizierens zu verstehen ist. Der Buddha erklärte, dass in der Tiefe meines Speicherbewusstseins, „alayavijnana“, alle Arten von positiven und negativen Samen zu finden sind, die Samen des Ärgers, der Täuschung und Angst sowie Samen des Verstehens, des Mitgefühls und des Verzeihens. Viele dieser Samen sind mir durch meine Vorfahren übertragen worden. Ich sollte es lernen, jeden einzelnen dieser Samen in mir zu erkennen, um Rechte Anstrengung zu praktizieren. Erkenne ich einen negativen Samen, den Samen von Ärger, Angst, Eifersucht oder Unterscheidung, so sollte ich es unterlassen, ihn in meinem täglichen Leben zu wässern. Sooft einem solchen Samen Nahrung zugeführt wird, gewinnt er an Kraft und manifestiert sich auf der oberen Ebene meines Bewusstseins. Er verursacht damit Leiden sowohl in mir als auch in anderen Menschen, die ich liebe.
Mein praktizieren zielt darauf ab, den negativen Samen in mir nicht länger Nährstoffe zu zuführen.
Ich muss die negativen Samen auch in den Menschen erkennen, die ich liebe, und mich bemühen, sie am Keimen zu hindern. Tue ich das nicht, so werden meine Lieben, und mit ihnen auch ich, sehr unglücklich. So was wird als „selektives Wässern“ genannt. Möchte ich glücklich sein, so sehe ich, dass ich die negativen Samen in mir nicht kräftige, und bitte meine Mitmenschen, das gleichfalls nicht zu tun, und unterlasse es auch, die negativen Samen in anderen zu stärken.
Ich muss versuchen, die positiven Samen in mir zu erkennen, dass ich sie berühre und ihnen helfen kann, sich in meinem Geistesbewusstsein „manovijnana“ zu manifestieren. Sooft sie sich auf dieser oberen Bewusstseinsebene manifestieren und dort auch bleiben, nehmen sie an Kraft zu. Werden die positiven Samen in mir täglich stärker, so verspüre ich Glück und mache die Menschen, die ich liebe, gleichfalls glücklich. Erkenne die positiven Samen in dem Menschen, den ich liebe, wässere diesen Samen, und er wird immer mehr Glück erfahren. In Plum Village haben ich und andere Mönche eine Übung eingeführt „Blumengießen“ genannt. Das heißt, ich bemühe mich, die besten Samen in meinen Brüdern und Schwestern zu erkennen und zu wässern. Ich sehe zu, dass ich so oft wie möglich die Samen mit Wasser versorge, die Stärkung nötig haben. Das ist eine wunderbare und sehr wohltuende Übung in Rechter Anstrengung, und sie führt unmittelbar zum Erfolg.
Ich stelle mir einen zweigeteilten Kreis vor. Der untere Teil stellt das Speicherbewusstsein dar, der obere das Geistesbewusstsein. Alle Geistesformationen ruhen tief unten in meinem Speicherbewusstsein.
Jedes Samenkorn in meinem Speicherbewusstsein kann berührt werden. Geschieht das, so manifestiert es sich auf der oberen Ebene, d.h. In meinem Geistesbewusstsein. Beharrliches Praktizieren bedeutet, sich im täglichen Leben nach Kräften zu bemühen, die im Speicherbewusstsein schlummernden negativen Samen nicht zu berühren, ihnen keine Möglichkeit zu geben, sich zu manifestieren. Die Samen von Zorn, Verachtung, Verzweiflung, Eifersucht und Gier sind alle dort verborgen. Ich muss mein Möglichstes tun, um zu verhindern, dass sie aufsteigen. Ich sage den Menschen, die ich liebe: „Wenn ihr mich wirklich liebt, bitte gebt diesen Samen in mir kein Wasser! Es tut meiner Gesundheit nicht gut und eurer auch nicht.“ Ich muss erkennen, welche Art von Samen nicht gestärkt werden dürfen. Ist es geschehen, dass ein negativer Same, ein Same, der Leiden verursacht, stark geworden ist und sich manifestiert hat, so setze ich alles daran, ihn mit meiner Achtsamkeit zu umarmen und ihn zu helfen, dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen ist. Je länger sich solche Samen in meinem Geistesbewusstsein aufhalten, desto stärker werden sie.
Der Buddha schlug eine Praxis vor, die „den Keil auswechseln“ genannt wird. Wenn ein hölzerner Keil nicht die richtige Größe hat oder morsch oder brüchig ist, ersetzt ein Tischler ihn, indem er an genau derselben Stelle einen nicht schadhaften Keil in den alten treibt. Stelle ich fest, dass eine Geistesformation aufsteigt, von der ich weiß, das sie unheilsam ist, so kann ich dafür sorgen, dass sie durch eine andere, heilsame, ersetzt wird.Mein Speicherbewusstsein enthält viele gesunde und heilsame Samen. Atme nur achtsam ein und aus und gestatte einem von ihnen aufzusteigen, der negative Samen wird absinken. Das nennt man „den Keilauswechseln“. Die dritte Praxis ist, in meinem Speicherbewusstsein so viele positive Samen wie möglich zu berühren, damit sie sich in meinem Geistesbewusstsein manifestieren. Wenn ich eine bestimmte Sendung im Fernsehen anschauen möchte, so drücke ich auf einen bestimmten Knopf, und das Programm erscheint. Ich lade nur die heilsamen Samen in das Wohnzimmer meines Bewusstseins ein. Ich bitte niemals einen Gast zu mir, der Kummer und Leid mit sich bringt. Ich bitte meine Freunde und Freundinnen: „Wenn ihr mich liebt, gebt bitte jeden Tag den heilsamen Samen in mir Wasser.“ Ein wunderbarer Samen ist Achtsamkeit. Mit Achtsamkeit ist der Buddha in mir, und ich nutze jede Gelegenheit, um diesen Samen zu berühren, und helfe ihm, sich auf der oberen Ebene meines Bewusstseins zu manifestieren.
Die vierte Praxis ist, einen heilsamen Samen, der sich stets im Geistesbewusstsein manifestiert hat, solange wie möglich dort zuhalten. Schaffe ich es, fünfzehn Minuten lang Achtsamkeit aufrechtzuerhalten, so wird der Same der Achtsamkeit gestärkt, und es wird mir leichter fallen, die Energie der Achtsamkeit zu entfalten, wenn ich sie das nächste Mal nötig habe.Es ist sehr wichtig, die Samen der Achtsamkeit, des Verzeihens und des Mitgefühls zum Gedeihen zu bringen. Ich tue das, indem ich ihnen helfe, solange wie möglich in meinem Geistesbewusstsein zu bleiben. Es wird die Transformation an der Basis genannt „ashraya paravritti“. Die ist die wahre Bedeutung von virya-paramita der Vollkommenheit der Tatkraft.










Freitag, 13. Juli 2018

Die sechs Vollkommenheiten

Die sechs Vollkommenheiten
Die Sechs Paramitas sind eine Lehre des Mahayana-Buddhismus. Paramitas kann mit „Vollkommenheit“ oder „“Vollkommene Verwirklichung“ übersetzt werden. Das chinesische Schriftzeichen für paramitas bedeutet „zum anderen Ufer übersetzen“, womit das Ufer des Friedens, der Furchtlosigkeit und Befreiung gemeint ist. Ich kann die Paramitas in meinem täglichen Leben praktizieren. Ich befinde mich an dem Ufer, wo es Leiden, Wut und Depression gibt, und ich will übersetzen zum Ufer, wo ich Wohlsein finde. Um überzusetzen, muss ich die Paramitas verwirklichen. Ich tu das, indem ich wieder zu mir selbst finde und achtsames atmen praktiziere, tief in mein Leiden, meine Wut und meine Depression schaue und lächle. So überwinde ich meinen Schmerz und setze über.
Jeder Tag gibt mir die Möglichkeit, die „Vollkommenheiten“ zu praktizieren. Mit jedem achtsamen Schritt habe ich die Chance, aus dem Land des Kummers in das Land der Freude einzutreten. Das Reine Land ist verfügbar im Hier und Jetzt. Das Reich Gottes liegt als Samenkorn in mir verborgen. Verstehe ich mich darauf, diesen Samen in fruchtbarer Erde auszusäen, so wird er zu einem Baum werden, in dem die Vögel Schutz suchen. Ich beühe mich, das andere Ufer zu erreichen, sooft ich die Notwendigkeit dafür verspüre. Der Buddha sagte: „Hoffe nicht darauf, dass das andere Ufer zu mir kommt. Wenn ich zu dem Ufer gelangen will, das mir Sicherheit bietet, wo es mir wohl ergeht und wo weder Angst noch Wut zu finden sind, muss ich schwimmen oder hinüberrudern. Ich darf keine Mühe scheuen.“ Ein solches Bemühen ist das Praktizieren der Sechs Paramitas. Dazu zählen:
  1. dana-paramita: Geben (Freigiebigkeit), Wohltätigkeit, Großzügigkeit
  2. shila-paramita: Sittlichkeit, rechtes Verhalten, Achtsamkeitsübungen,
  3. kshanti-paramita: die Fähigkeit, anzunehmen, zu erdulden und den Schmerz, den deine Feinde oder auch die, die dich lieben, dir zugefügt haben, zu transformieren, Herzensweite
  4. virya-paramita: entschlossenes Bemühen, Tatkraft, Beharrlichkeit,
  5. dhyana-paramita: Meditationen, Sammlung
  6. prajna-paramita: Weisheit, Einsicht, Verstehen
Das Praktizieren des Sechs Paramitas hilft mir, das andere Ufer zu erreichen, das Ufer der Freiheit, der Harmonie und des guten Einvernehmens.
An erster Stelle steht das Praktizieren der dana-paramita, der Vollkommenheit des Gebens. Geben bedeutet vor allem Freude, Glück und Liebe schenken. Es gibt eine in Asien wohlbekannte Pflanze, sie gehört zu den Zwiebelgewächsen und ist eine Köstlichkeit in der Suppe, gebratenem Reis und Omeletts, die nach einem Rückschnitt innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder zu ihrer ursprünglichen Größe heranwächst. Je mehr man sie zurückschneidet, desto größer und stärker wird sie. Die dana-paramita kann mit dieser Pflanze verglichen werden. Ich behalte nichts für mich selbst, ich will nur geben. Denn wenn ich gebe, mache ich den anderen vielleicht glücklich, sicher ist, dass ich selber Glück verspüre. In vielen Geschichten über die früheren Leben des Buddha praktiziert er die dana-paramita.
Das größte Geschenk, das ich machen kann, ist meine vollkommene Präsenz. Ich kenne einen Knaben, der von seinem Vater gefragt wurde, was er sich zum Geburtstag wünsche. Der Junge zögerte mit der Antwort. Der Vater war wohlhabend und konnte dem Kind jeden Wunsch erfüllen. Aber er war fast nie zu Hause, weil er seine ganze Zeit dem Geldverdienen widmete. Der Junge sagte: „Vater, ich möchte dich.“ Das war eine klare Botschaft. Wenn ich jemanden liebe, muss ich ganz und gar für den Menschen da sein, ihm meine Gegenwart schenken. Mache ich dieses Geschenk, so bekomme ich, als Gegengabe so zu sagen, Freude geschenkt. Ich lerne es, vollkommene Präsenz zu entwickeln, indem ich Meditation praktiziere. Achtsames Atmen bringt Körper und Geist zusammen. „Liebling, ich bin hier und ganz für dich da.“ ist ein Mantra, das ich im Geiste sprechen kann, wenn ich dieses paramita praktiziere.
Was kann ich sonst noch geben? Meine Stabilität. „Ich atme ein und sehe mich als Berg. Ich atme aus und fühle mich stark und fest.“ Der Mensch, den ich liebe, braucht meine Stärke und Stabilität. Ich kann sie kultivieren, indem ich achtsam ein- und ausatme, achtsames Gehen und achtsames Sitzen praktiziere und jeden Augenblick meines Lebens tief und voll Freude erlebe. Stabilität ist eines der Kennzeichen für Nirwana.
Was kann ich sonst noch schenken? Meine Freiheit. Es gibt kein wahres Glück, ehe ich mich nicht von allen leid haften Zuständen befreit habe, von meinen Begierden und falschen Wahrnehmungen, von Ärger und Wut, von Eifersucht, Verzweiflung und Angst. Freiheit ist eines der Kennzeichen für Nirwana. Bestimmte Arten des Glücks können meinen Körper, meinen Geist und meine zwischen menschlichen Beziehungen zerstören. Es ist außerordentlich wichtig, Begierdefreiheit zu erlangen. Darin muss ich mich üben. Ich schau tief in die Natur dessen, von dem ich glaube, dass es mich glücklich macht, und stelle fest, ob es in Wirklichkeit nicht denen, die ich liebe, Leiden bringt. Ich muss mir Klarheit darüber verschaffen, wenn ich wirklich frei sein möchte. Ich finde zurück in den gegenwärtigen Augenblick und berühre die Wunder des Lebens, die verfügbar sind. Es gibt so vieles, was nur zu unmittelbarem Glück verhelfen kann, der herrliche Sonnenaufgang, der blaue Himmel, die Berge, die Flüsse und die vielen schönen Gesichter um mich herum.
Was kann ich sonst noch geben? Meine frische. „Ich atme ein und sehe mich als eine Blume. Ich atme aus und fühle mich mich frisch.“ Atme dreimal achtsam ein und aus, und sofort kann ich meine Blumenhaftigkeit wieder herstellen. Was für ein Geschenk.
Was kann ich sonst noch schenken? Frieden. Es ist wunderbar neben einem Menschen zu sitzen, der friedvoll ist. Sein Frieden überträgt sich auf mich. „Ich atme ein und sehe mich als stilles Wasser. Ich atme aus und reflektiere die Dinge, wie sie sind.“ Ich kann den Menschen, die ich liebe, meinen Frieden und meine Klarheit schenken.
Was kann ich sonst noch anbieten? Raum. Der Mensch, den ich liebe, braucht Raum, um glücklich zu sein. In einem Blumenarrangement braucht jede Blume Raum um sich herum, damit sie ihre wahre Schönheit ausstrahlen kann. Bei einem Menschen ist es nicht anders. Ohne Raum in und um sich herum kann er nicht glücklich sein.
Diese Geschenke sind in keinem Geschäft zu kaufen. Ich muss sie durch mein Praktizieren selbst herstellen. Je mehr ich gebe desto mehr gewinne ich. Wenn der Mensch, den ich liebe, glücklich ist, überträgt sich sein Glück auch auf mich. Indem ich einen anderen beschenke, beschenke ich mich auch selbst.
Geben ist eine wunderbare Übung. Der Buddha rät mir, dana-paramita zu praktizieren, wenn ich auf jemanden böse bin und mein Ärger trotz allen Bemühens nicht schwinden will. Normalerweise neige ich dazu, den Verursacher meines Ärgers zu bestrafen. Ein solches Verhalten aber verschlimmert mein Leiden nur. Der Buddha schlägt vor, der Person, auf die ich wütend bin, ein Geschenk zukommen zu lassen, anstatt sie zu betrafen. Ich sollte schon jetzt, wo kein Ärger in mir ist, ein kleines Geschenk vorbereiten. Denn wenn ich wütend bin, habe ich wahrscheinlich keine Lust, aus dem Haus zu gehen, um ein Geschenk zu besorgen. Ist dann die Situation gekommen, wo ich mit keinen anderen Mitteln meinem Ärger beizukommen weiß, kann ich das Päckchen zur Post bringen und abschicken. Erstaunlicherweise werde ich mich sogleich besser fühlen. Das gleiche gilt auch auf internationaler Ebene. Wenn Israel Frieden und Sicherheit haben will, müssen die Israelis dafür sorgen, dass auch den Palästinensern Frieden und Sicherheit garantiert wird. Und wenn die Palästinenser in Frieden und Sicherheit leben wollen, müssen sie dafür sorgen, dass die Israelis die Garantie für Frieden und Sicherheit haben. Ich bekomme das, wenn ich selbst etwas anbiete. Gib dem anderen, was er braucht, anstatt ihn zu bestrafen.
Wenn eine andere Person in mir Leiden verursacht, so hat das seinen Grund oft darin, dass sie selbst leidet, denn ihr Leiden überträgt sich auf mich. Sie hat Hilfe nötig. Das ist die Botschaft, die sie aussendet. Wenn ich das erkennen kann, so gebe ich ihr, was sie braucht, also Hilfe. Glück und Sicherheit sind keine individuelle Angelegenheit, denn Glück und Sicherheit des anderen Menschen sind entscheidend für mein eigenes Glück und meine eigene Sicherheit. Ich wünsche ihm von ganzen Herzen, dass er sich glücklich und sicher fühlen kann, und ich werde mich selbst glücklich und sicher fühlen.
Was kann ich sonst noch anbieten? Verstehen. Wenn ich wahrhaft verstehe, hat sich mein Praktizieren wie eine Blume voll entfaltet. Ich richte meine gesammelte Aufmerksamkeit auf ein einziges Objekt, schau tief in es hinein, und ich werde Einsicht und Verstehen gewinnen. Das Leiden anderer hört auf oder wird gelindert, wenn ich ihnen mein Verstehen anbiete.
Das erste Blütenblatt der Blume Paramita ist dana-paramita: Geben, Freigebigkeit. Was ich gebe, erhalte ich zurück, schneller als die von einem Satelliten ausgesandten Signale. Ob ich meine Präsenz, meine Stabilität, meine Frische, meine Festigkeit, meine Freiheit oder mein Verstehen schenke, denn mein Geschenk kann Wunder bewirken.
An zweiter Stelle steht die Vervollkommnung der fünf Übungswege der Achtsamkeit oder der Sittlichkeit „shila-paramita“. Die fünf Achtsamkeitsübungen helfen mir, meinen Körper und Geist, meine Familie und Gesellschaft zu schützen. Die Erste Achtsamkeitsübung bezieht sich auf den Schutz des Lebens von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien. Andere Wesen schützen heißt zugleich, sich selbst zu schützen. Mit der Zweiten Achtsamkeitsübung soll die Ausbeutung anderer Lebewesen und der Natur durch den Menschen verhindert werden. Die dritte Achtsamkeitsübung zielt darauf ab, Kinder und Erwachsene vor sexuellem Missbrauch zu schützen und das Glück Einzelner und von Familien zu bewahren. Zu viele Familien sind durch sexuelles Fehlverhalten entzweit worden. Wenn ich die dritte Achtsamkeitsübung praktiziere, schütze ich mich, und ich schütze die Paare und Familien. Ich helfe, dass andere sich sicher fühlen können. Die Vierte Achtsamkeitsübung ruft auf zu tiefen Zuhören und liebevoller Rede. Die fünfte Achtsamkeitsübung bezieht sich auf achtsames Konsumieren. Das Praktizieren der Fünf Achtsamkeitsübungen ist eine Form von Liebe, eine Form von Geben. Es gewährleistet die Gesundheit und die Sicherheit meiner Familie und Gesellschaft. „Shila-paramita“ ist ein wunderbares Geschenk, das ich meiner Gesellschaft, meiner Familie und den Menschen, die ich liebe, machen kann.Es gibt keine kostbarere Gabe, als die Fünf Achtsamkeitsübungen zu praktizieren. Wenn ich den Übungen entsprechend lebe, so schütze ich mich und die Menschen, die ich liebe.
Ich schaue tief in die Ursachen des Leidens, meines individuellen und des kollektiven. Ich bin zuversichtlich, dass ich in den Fünf Achtsamkeitsübungen die richtige Medizin für die Misere meiner Zeit erkennen kann. In jeder spirituellen Tradition gibt es ein entsprechendes Äquivalent für die Fünf Achtsamkeitsübungen. Ich bin immer unendlich glücklich, wenn ich miterlebe, dass jemand gelobt, diese Übungen zu praktizieren. Ich empfinde Glück, für diesen Menschen, seine Familie und auch für mich, weil ich weiß, dass es keinen konkreteren Weg gibt, Achtsamkeit zu praktizieren, als mit Hilfe dieser Übungen. Ich brauche eine Sangha um mich, um meinem Üben Tiefe zu geben.
Das dritte Blütenblatt der Blume Paramita ist „Herzens weite“, kshanti-paramita. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehe, anzunehmen, zu umarmen und zu transformieren. Kshanti wird oft mit „Geduld“ oder „Erdulden“ übersetzt, ich aber finde, das Herzens weite die Lehre des Buddha besser ausdrückt. Wenn ich Herzens weite praktiziere, brauche ich nicht zu leiden oder zu erdulden, selbst wenn ich Leiden und Ungerechtigkeit nicht aus dem Weg gehen kann. Ein anderer Mensch tut oder sagt zwar oder etwas, was mich wütend machen könnte, er behandelt mich ungerecht. Habe ich aber ein weites Herz, so werde ich nicht darunter leiden.
Vom Buddha stammt dieses wunderbare Bild: Wenn ich eine Handvoll Salz in eine kleine Schale voller Wasser schütte, wird das Wasser so salzig werden, dass ich es nicht mehr trinken kann,. Schütte ich die gleiche Menge Salz jedoch in einen großen Fluss, so wird sein Wasser immer noch trinkbar sein. Vergiss nicht: Der Buddha lehrte vor 2600 Jahren, als es noch nicht möglich war, Flusswasser zu trinken. Ein Fluss ist tief und weit und führt unendlich viel Wasser mit sich. Deshalb hat er die Fähigkeit an- bzw. aufzunehmen und zu transformieren. Die Handvoll Salz verursacht im Fluss kein Leiden. Ist mein Herz klein und eng, so werde ich leiden, wenn jemand mich harsch anfährt oder ungerecht behandelt. Habe ich aber ein weites Herz und sind Verstehen und Mitgefühl in mir, so wird ein solches unfaires Verhalten nicht die Kraft haben, mich leiden zu lassen. Ich werde imstande sein, es anzunehmen, zu umarmen und augenblicklich zu transformieren. Es kommt auf die Weite meines Herzens an. Wenn ich mein Leiden verwandeln will, muss mein Herz groß sein wie der Ozean. Wer kein Bodhisattva ist, wird bei ungerechter Behandlung wahrscheinlich leiden. Ein Bodhisattva aber leidet in einer entsprechenden Situation überhaupt nicht. Es hängt davon ab, wie ich annehme, umarme und transformiere. Kann ich mich lange Zeit nicht von meinem Schmerz befreien, so liegt das daran, dass ich noch nicht in der Lage bin, Herzens weite zu praktizieren.
Als Ruhala, der Sohn des Buddha , achtzehn Jahre alt war, gab der Buddha ihm eine wunderbare Unterweisung über die Art und Weise, wie Herzens weite zu praktizieren ist. Shariputra, Rahulas Lehrer war auch anwesend. Er hörte zu und verinnerlichte die Worte des Buddha. Zwölf Jahre später ergab sich die Gelegenheit, dass Shariputra diese Lehre vor einer großen Versammlung von Mönchen und Nonnen wiederholte. Es war der Tag nach dem drei Monate dauernden Regenzeit-Retreat, und alle waren dabei, in die zehn Himmelsrichtungen auszuziehen, um die Lehre zu verbreiten. Ein Mönch berichtete dem Buddha folgendes: „Erhabener, als sich heute früh der Ehrwürdige Shariputra auf den Weg machte, fragte ich ihn, wohin er gehe. Statt meine Frage zu beantworten, warf er mich zu Boden und entschuldigte sich nicht einmal.“
Der Buddha fragte Ananda: „Ist Shariputra schon weit fort?“ Ananda antwortete: „Nein, er ist erst vor einer Stunde aufgebrochen.“ Der Buddha ließ einen Novizen hinter Shariputra herlaufen und ihn zurückholen. Als Shariputra wieder da war, rief Ananda alle noch anwesenden Mönche zusammen. Dann betrat der Buddha die Halle und fragte Shariputra in aller Form: „Shariputra stimmt es, dass heute früh, als du das Kloster verlassen wolltest, einer deiner Brüder dir eine Frage stellte und du ihm nicht geantwortet hast? Stimmt es, dass du ihn statt dessen zu Boden gestoßen hast und dich nicht einmal bei ihm entschuldigst hast?“ Daraufhin gab Shariputra vor allen seinen Mitbrüdern und Mitschwestern dem Buddha folgende Antwort:
Erhabener, ich erinnere mich an die Unterweisung, die du vor zwölf Jahren dem Mönch Ruhala gegeben hast. Er war damals achtzehn Jahre alt. Du belehrtest ihn, über die Natur von Erde, Wasser, Feuer und Luft zu kontemplieren, um so die Tugenden von Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut zu nähren und zu entwickeln. Obwohl deine Worte sich an Ruhala richteten, habe ich mich bemüht, diese Lehre zu befolgend und zu praktizieren.
Erhabener, ich habe mich bemüht, der Erde gleich zu praktizieren. Die Erde ist weit und offen und hat die Fähigkeit, zu empfangen, zu umarmen und zu transformieren. Die Erde nimmt alles gleichermaßen in sich auf, egal, ob es reine und duftende Substanzen sind wie Blumen, Parfüm oder frische Milch, oder ob es sich um unreine und übelriechende Substanzen handelt wie Kot, Urin, Blut, Schleim oder Speichel. Die Erde akzeptiert alles, ohne Zu- oder Abneigung. Es spielt keine Rolle, was ich auf sie werfe, sie hat die Kraft, es aufzunehmen, zu umarmen und zu verwandeln. Ich tue mein Bestes, um so zu sein wie die Erde, d.h. anzunehmen, ohne Widerstand zu leisten, ohne zu klagen, ohne zu leiden.
Erhabener, ich praktiziere Achtsamkeit und liebende Güte. Ein Mönch, der nicht Achtsamkeit auf den Körper im Körper praktiziert, der nicht Achtsamkeit auf das körperliche Tun im körperlichen Tun praktiziert, bringt es fertig, einen Mitbruder zu Boden zu schlagen und ihn ohne Entschuldigung dort liegen zu lassen. Es ist aber nicht meine Art, einen Mönchsbruder so grob zu behandeln, ihn zu Boden zu schlagen und ohne Entschuldigung fortzugehen.
Erhabener, ich habe die Lektion gelernt, in der du Ruhala rietest, dem Wasser gleich zu praktizieren. Für das Wasser spielt es keine Rolle, ob jemand eine duftende oder eine stinkende Substanz hineinschüttet, Wasser nimmt beides gleichermaßen willig auf, ohne Vorliebe für das eine und ohne Abneigung gegenüber dem anderen. Wasser ist weit und tief und fließend, es vermag anderes in sich aufzunehmen, es hat die Kraft zu transformieren und zu reinigen. Ich habe mich immer nach Kräften bemüht, in meinem Praktizieren dem Wasser gleich zu sein. Nur ein Mönch, der keine Achtsamkeit praktiziert, der nicht danach strebt, wie das Wasser zu werden, bringt es fertig, einen Mönchsbruder zu Boden zu stoßen und ohne ein Wort der Entschuldigung weiterzugehen. Ein solcher Mönch bin ich nicht.
Erhabener, ich habe mich bemüht, dem Feuer gleich zu sein. Feuer verbrennt alles, das reine ebenso wie das Unreine, das Schöne ebenso wie das Widerwärtige, ohne Vorliebe für das eine und ohne Abneigung gegenüber dem anderen. Ob ich Blumen oder Seide in das Feuer werfe, das Feuer verbrennt beides, ob ich Lumpen oder stinkenden Unrat den Flammen übergebe, das feuer akzeptiert und verbrennt auch das. Es unterscheidet nicht zwischen dem einen und dem anderen. Warum nicht? Weil es alles, was ihm angeboten wird, aufnehmen, verzehren und verbrennen kann. Ich habe mich bemüht, dem Feuer gleich zu praktizieren. Ich bin in der Lage, alles Negative in mir zu verbrennen, um es zu transformieren. Nur ein Mönch, der keine Achtsamkeit im Schauen, Zuhören und Kontemplieren praktiziert, bringt es fertig, einen Mönchsbruder zu Boden zu stoßen und ohne ein Wort der Entschuldigung weiterzugehen. Ein solcher Mönch bin ich nicht.
Erhabener, ich habe mich bemüht, der Luft gleich zu sein. Die Luft trägt alle Gerüche, angenehm oder unangenehm, mit sich, ohne Vorliebe für den einen und ohne Abneigung gegenüber den anderen. Die Luft hat die Kraft, zu transformieren, zu reinigen und loszulassen. Erhabener Buddha, ich habe über den Körper im Körper kontempliert, über die Bewegungen der Körper in den Bewegungen des Körpers, über die Haltungen des Körpers in den Haltungen des Körpers, über die Gefühle in den Gefühlen und über den Geist im Geist. Nur ein Mönch, der keine Achtsamkeit praktiziert bringt es fertig, einen Mönchsbruder zu Boden zu stoßen und ohne ein Wort der Entschuldigung weiterzugehen. Ein solcher Mönch bin ich nicht.
Shariputra fuhr fort mit seinem „Löwengebrüll“, aber der andere Mönch konnte es nicht länger ertragen. Er entblößte seine rechte Schulter, fiel auf die Knie und bat um Verzeihung.
Oh Herr, ich habe den „vinaya“, die monastischen Regeln verletzt. Ich war wütend und neidisch, und ich habe gelogen, um meinem älteren Bruder im Dharma in Misskredit zu bringen. Ich bitte die Gemeinschaft, mir zu erlauben, die Übung namens „Neubeginn“ zu praktizieren. In Gegenwart des Buddha und der ganzen Sangha warf er sich dreimal vor Shariputra nieder. Als Shariputra das sah, verbeugte er sich und sagte: „Ich habe mich ungeschickt verhalten, so kam es, dass dieses Missverständnis entstand. Ich bin mitverantwortlich und bitte meinen Mönchsbruder um Verzeihung.“ Er warf sich dreimal vor dem anderen Mönch nieder, und sie versöhnten sich. Ananda lud Shariputra zu einer Tasse Tee ein, bevor dieser sich wieder auf den Weg machte.
Die Lehre der Herzensweite besagt nicht, dass ich meinen Schmerz unterdrücken soll. Ich soll ihn annehmen, umarmen und transformieren. Das kann ich nur, indem ich tief schaue, um zu verstehe und zu verzeihen. Tue ich das nicht, so verfange ich mich in Zorn und Hass und glaube, dass ich mich nur dann besser fühlen werde, wenn ich den anderen bestrafe. Rache ist eine unheilsame Nahrung. Heilsam ist die Entschlossenheit, anderen zu helfen.
Um „kshanti-paramita zu praktizieren, sind die anderen paramita nötig. Verstehen, Geben und Sammlung dürfen nicht fehlen, sonst versuche ich, meinen Schmerz zu unterdrücken und ihn auf den Grund meines Bewusstseins zu schicken. Das ist gefährlich. Diese Art von Energie wird sich später entladen und mich und andere zerstören. Wenn ich tiefes Schauen praktiziere, wird mein Herz unermesslich weit werden, und ich werde weniger leiden.
Der erste Schüler, den ich ordinierte, war ein Mönch namens Thich Nhat Tri. Bruder Nhat Tri stnad Schwester Chang Khang und mir oft zur Seite, wenn ich Überschwemmungsopfer zu retten versuchte, und er verbrachte auf meine Bitte hin viele Monate in einem kleinen Dorf. Ich gründete mit ihm zusammen die „Schule für jugendliche Sozialarbeiter“ und ich musste lernen, die wirklichen Bedürfnisse der Menschen in dieser ländlichen Gegend zu erkennen. Mein Bemühen zielte drauf ab, armen Menschen ihren Lebensstandard verbesser zu helfen, und ich suchte nach Wegen, dass dies gewaltlos und mit liebevoller Güte geschah. Es war eine wunderbare Bewegung für sozialen Fortschritt. Am Ende hatte ich zehntausend Helfer. Die Kommunisten bezeichneten diese Bewegung als pro-amerikanisch, und die Massenmedien behaupteten, ich und die anderen Helfer wären als buddhistische Mönche verkleidete Kommunisten, die einen Regierungssturz planten. Ich versuchte nichts anderes, als ich selbst zu sein und mich mit keiner kämpfenden Partei zu verbünden. Dann wurde 1967 mein Bruder Nhat Tri und sieben weitere Sozialarbeiter von rechten Extremisten gekidnappt, und seit dem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
Eines Tages ging Nhat Tri durch die Straßen von Saigon, als ein amerikanischer Soldat ihn vom Truck aus bespuckte. Bruder Nhat Tri kam nach Hause und weinte bitterlich. Als junger Mensch fühlte er sich versucht, zurückzuschlagen. Deswegen nahm ich ihn in den Arm, um ihm zu helfen, das Gefühl des tiefen Verletzt Seins zu transformieren.Ich sagte: „Mein Kind, du bist nicht geboren worden, um ein ein Gewehr zu halten. Du bist geboren worden, um ein Mönch zu werden, und deine Stärke ist die Kraft des Verstehens und der Liebe. Der amerikanische Soldat hielt dich für einen Feind. Aber das ist eine falsche Wahrnehmung. Soldaten sind „nötig“, die, mit nichts anderem als mit Verstehen und Liebe bewaffnet, an die Front gehen können. Nhat Tri blieb der „Schule für jugendliche Sozialarbeiter“ treu. Er wurde dann entführt und vermutlich getötet. Thich Nhat Tri ist ein großer Bruder der Mönche und Nonnen in Plum Village. Seine Handschrift ähnelt ganz der meinen. Er schrieb schöne Lieder, die die Büffelhirten auf dem Lande sangen.
Wie kann ich dieses Unrecht ungeschehen machen? Wie kann ich das Unrecht transformieren, das ganze Völker erleiden müssen? Die Menschen in Kambodscha, Bosnien, Palästina, Israel und Tibet, sie leiden alle unter Unrecht und Intoleranz. Statt einander Brüder und Schwestern zu sein, richten sie Gewehre aufeinander. Wenn mich der Zorn überkommt, meine ich, die einzige Antwort sei Rache zu üben und den anderen zu bestrafen. Das Feuer des Zorns hört nicht auf immer zu brennen, und es erfasst auch meine Brüder und Schwestern. So ist die Situation in der Welt, und deswegen muss ich tief schauen, um zu erkennen, dass ich und die anderen Menschen alle Opfer sind.
Ich sprach zu Bruder Nhat Tri: „Wärst du in einer Familie an der Küste von New Jersey oder Kalifornien hineingeboren und hättest du die Zeitungen und Zeitschriften gelesen, aus denen dieser Soldat seine Informationen bezogen hat, dann würdest du auch glauben, dass alle buddhistischen Mönche Kommunisten sind, und würdest einen Mönch bespucken. Ich erklärte ihm, dass amerikanische Soldaten dazu erzogen wurden, alle Vietnamesen als Feinde zu betrachten, dass sie nach Vietnam geschickt worden sind, um zu töten oder um getötet zu werden, dass sie Opfer seien, genau wie die vietnamesischen Soldaten und Zivilisten. Diejenigen, die die Gewehre halten und auf mich schießen, diejenigen, die mich bespucken, sind nicht die „Macher“ des Krieges. Die Macher des Krieges sitzen in bequemen Büros in Peking, Moskau und Washington. Kriege entstehen, weil auf der Basis von falschem Verstehen falsche Politik gemacht wird. Als ich 1966 in Washington war, traf ich den damaligen Verteidigungsminister MacNamara. Ich sprach mit ihm über das Wesen von Kriegen und hielt mit der Wahrheit nicht zurück. Ein halbes Jahr später trat er von seinem Amt zurück. Kürzlich erschien ein Buch von ihm, in dem er zugab, dass der Vietnamkrieg ein entsetzlicher Fehler war. Vielleicht habe ich ein wenig mitgeholfen, dass der Same des Verstehens in ihm aufging. Falsche Wahrnehmung war verantwortlich für falsche Politik, und falsche Politik war verantwortlich für den Tod von vielen tausend amerikanischen und vietnamesischen Soldaten und von mehreren Millionen vietnamesischer Zivilisten. Die Menschen auf dem Land konnten nicht verstehen, warum Tag und Nacht Bomben auf sie abgeworfen wurden, warum sie auf diese Weise sterben mussten. Ich schlief in meiner Kammer dicht neben der Buddha-Halle auf dem Gelände der Schule für jugendliche Sozialarbeiter, als eine Rakete die Halle traf. Ich entging dem Tod mit knapper Not.
Wenn ich meinen Hass und meinen Zorn schüre, verbrenne ich mich selbst. Verstehen ist der einzige Ausweg. Wenn ich verstehe, leide ich weniger und weiß wie ich die Wurzeln des Unrechts aufdecken kann. Buddha sagte, dass ich leide, wenn ein Pfeil mich trifft, dass mein Leiden aber hundertmal stärker ist, wenn ein zweiter Pfeil mich an derselben Stelle trifft. Ich leide, wenn ich ein Opfer von Unrecht bin, ich leide aber hundertmal mehr, wenn ich darüber zornig werde. Verspüre ich irgendeinen körperlichen Schmerz, so atme ich achtsam ein und aus und sage mir: „Es ist ein körperlicher Schmerz.“ Ich stelle mir aber vor, dass es Krebs sein könnte, und ich wahrscheinlich bald sterben muss, so wird mein Schmerz hundertmal schlimmer sein. Angst oder Hass, aus Unwissenheit geboren, vervielfachen mein Leiden. „Prajna-paramita ist die Rettung. Mein Leben wird weniger problematisch, wenn ich die Dinge so sehe, wie sie sind, und ich nichts in sie hineindeute.“
Ich liebe meine Landsleute, und während des Krieges half ich ihnen nach Kräften. Stets habe ich auch die jungen amerikanischen Soldaten, die in Vietnam kämpfen mussten, als Opfer angesehen, weil ich ihnen nicht hasserfüllt begegnete, so litt ich viel weniger. Viele Menschen müssen durch Hass geschürtes Leiden überwinden lernen. Die Einsicht, wie das zu schaffen ist, erwächst unmittelbar aus diesem Leiden, nicht aus theoretischen Studien. Bruder Nhat Tri und viele andere, die die Botschaft von verzeihen, Liebe und Verstehen weiterreichen wollten, mussten sterben. Für sie habe ich überlebt, und ich führe die Arbeit fort, damit sie nicht umsonst gestorben sind.
Ich übe mich im tiefen Schauen, dann werden Krankheit, Unrecht oder Schmerzen mich weniger leiden lassen. Tiefes Schauen führt zu Verstehen und Verstehen führt immer zu Liebe und Akzeptanz. Es ist selbstverständlich, das ich alles tue, um meinem Baby zu helfen, wenn es krank ist. Aber ich weiß, dass ein Baby gelegentlich krank sein muss, damit auch ich gegen bestimmte Krankheiten gefeit bin, weil sich Antikörper in mir gebildet haben. Vollkommene Gesundheit gibt es nur in meinen Vorstellungen. Ich lerne es, mit meiner Krankheit in Frieden zu leben, ganz gleich, was für eine Krankheit es ist. Versuche sie zu transformieren, aber leide nicht zu sehr.
Auch Buddha litt, solange er lebte. Es gab rivalisierende Widersacher, sogar Komplotts, um ihn zu töten. Einmal verletzte er sich am Bein. Als man ihm zur Hilfe kommen wollte, sagte er, es handle sich nur um eine kleine Wunde, und tat, was erforderlich war, damit die Schmerzen sich milderten. Zu anderer Zeit, als fünfhundert Mönche sich von ihm abwandten, um eine alternative Sangha zu gründen, kam er problemlos damit zurecht und ließ sich von den Schwierigkeiten nicht entmutigen.
Der Buddha gab sehr korrekte Anweisungen, wie ich mein Herz weit machen kann, durch maitri=Liebe, karuna=Mitgefühl, mudita=Freude und upekska=Gleichmut. Wenn ich diese Vier Grenzenlosen Geisteszustände Praktiziere, wird mein Herz unendlich weit. Auf Grund ihres großen Mitgefühls haben Bodhisattva die Fähigkeit, anzunehmen, zu umarmen und zu transformieren. Auf Grund ihres Verstehens brauchen sie nicht zu leiden. Das ist ein großes Geschenk für die Welt und die Menschen, die ich liebe.











Samstag, 7. Juli 2018

Die fünf Kräfte

Die fünf Kräfte
Ich wuchs zusammen mit drei Geschwistern auf. Wenn es regnete, dann lief ich mit meinen Geschwistern draußen vor der Baracke herum, denn das war meine Art mir eine Dusche zu nehmen. Ich und meine Geschwister waren glücklich. Wenig später rief meine Mutter zum Abendessen, und sie reichte mir und meinen Geschwistern eine Schüssel Reis mit eingelegten Bambussprossen oder gesalzenem Fisch. Ich und meine Geschwister nahmen die Schüssel und ich setzte mich mit meinen Geschwistern an die Türöffnung, und ich aß und schaute gleichzeitig den herabfallenden Regentropfen zu. Ich saß da, unberührt von Sorgen oder Ängsten, dachte weder an die Vergangenheit oder die Zukunft, sondern ich dachte an nichts. Ich ließ mir das Essen gut schmecken, genoss das Zusammensein mit den Geschwistern, und ich war mit meinen Geschwistern, in Harmonie, auch mit mir selbst. Am Neujahrstag servierte meine Mutter eine besondere Art von Gebäck, und ich ging nach draußen und aß die Kekse. Manchmal waren meine festlichen Neujahrskleider so gestärkt, dass sie beim Gehen raschelten, und ich glaubte, im Paradies zu sein.
Ich wurde älter, und mit der Zeit begann ich mir Sorgen, um meine Hausaufgaben, die richtige Kleidung, einen guten Arbeitsplatz, die Unterstützung durch meine Familie , und vom Krieg, von sozialer Ungerechtigkeit und anderen Problemen ganz zu schweigen. Ich glaubte, mein Paradies wäre verloren gegangen, aber das war nicht der Fall. Ich brauchte mich nur daran erinnern, wie ich den Samen des Paradieses in mir wässern konnte, und schon gelang es mir, wahres Glück zu spüren. Und heute kann jeder in sein eigenes Paradies zurückkehren. Ich brauche nur achtsam ein- und ausatmen. Mein wahres Zuhause gibt es nicht nur in der Vergangenheit, denn es ist Hier und Jetzt vorhanden. Achtsamkeit ist die Energie, die ich in meinem täglichen Leben entwickeln kann und die mir hilft, in mein Paradies zurückzufinden.
Die fünf Fähigkeiten, die die Grundlage für die Entwicklung der fünf Kräfte bilden, sind so etwas wie Kraftwerke, die mir helfen können, diese Energie der Achtsamkeit in mir zu erzeugen. Die fünf Kräfte sind diese Energie in Aktion, und die zu den Fähigkeiten und Kräften gehören wie Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Sammlung des Geistes und Verstehen. Als Fähigkeiten praktiziert, sind sie mit Kraftwerken vergleichbar, die Elektrizität produzieren. Wenn sie sich durch mein Üben zu Kräften entwickelt haben, so sind sie in der Lage, alle Glieder des Achtfachen Pfades wirksam werden zu lassen, in gleicher Weise, wie Elektrizität sich als Licht oder Wärme manifestiert.
Die erste der fünf Kräfte ist Vertrauen. Vertrauen setzt eine große Energie in mir frei. Schenke ich etwas Unzuverlässigem oder Falschem mein vertrauen, und ist es nicht von wahrer Einsicht erfüllt, so werden früher oder später Zweifel und Misstrauen in mir aufkommen. Wenn mein Vertrauen aber auf Einsicht und Verstehen aufbaut, werde ich die Dinge berühren, die gut, schön und verlässlich sind. Ich gewinne dieses Vertrauen, wenn ich die Lehre des Buddha in die Praxis umsetze. Sie hilft mir, meine Schwierigkeiten zu überwinden und Transformation zu erlangen.Mein Vertrauen ist der Zuversicht vergleichbar, die ein Landwirt im Hinblick auf seine Ernte hat. Es ist kein blindes Vertrauen, und es hat nichts mit einem Glauben an Dogmen oder Ideologien zu tun.
Die zweite Kraft ist „Tatkraft“, die Kraft, die mein praktizieren zu einem freudvollen Tun werden lässt. Aus vertrauen entwickelt sich die Tatkraft, und diese Tatkraft wiederum verstärkt mein Vertrauen. So gewinne ich wirkliche Lebenskraft . Meine Augen leuchten, und ich gehe mit festen und sicheren Schritten.
Die dritte kraft ist Achtsamkeit. Um tief zu schauen und tiefes Verstehen zu entwickeln, brauche ich die Energie der rechten Achtsamkeit, sie wird durch Meditation erzeugt. Wenn ich sitze, esse oder Geschirr spüle, kann ich lernen, achtsam zu sein. Achtsamkeit verhilft mir zu tiefem Schauen. Mir wird bewusst, was in mir und um mich herum vor sich geht. Achtsamkeit ist der Pflug, die Hacke und die Wasserquelle, mit deren Hilfe Einsicht zum Gedeihen gebracht werden kann. Ich bin der Gärtner und pflüge, säe und wässer die heilsamen Samen in mir.
Die vierte Kraft ist die Sammlung. Mein Geist muss gesammelt sein, um tief schauen zu können, und um klare Sicht zu erlangen. Sammlung lässt sich entwickeln, wenn ich jegliche Tätigkeit in Achtsamkeit verrichte, egal, ob ich esse, abwasche, gehe, stehe, sitze, liege oder atme. Achtsamkeit hilft dem Geist, sich zu sammeln, und aus einem gesammelten Geist entwickeln sich Einsicht und Vertrauen. Diese vier Qualitäten: Achtsamkeit, Sammlung, Einsicht, Vertrauen, schenken mir Lebensfreude und Lebenskraft.
Die fünfte Kraft ist „Verstehen“ oder „Weisheit“, die Fähigkeit, tief zu schauen und klare Sicht zu erlangen. Wahres Verstehen ist das Resultat meines Praktizierens. Mit klarer Sicht erkenne und überwinde ich alles, was falsch ist, und mein Vertrauen wird zu Rechtem Vertrauen.
Wenn alle fünf Kraftwerke richtig arbeiten und Energie erzeugen, sind sie nicht länger bloße Fähigkeiten, denn sie werden zu den fünf Kräften. Es gibt einen Unterschied zwischen der Fähigkeit, Kraft zu erzeugen und der Kraft selbst. Wenn mein Körper und mein Geist nicht mit genügender Energie gespeist werden, dann müssen meine fünf Kraftwerke repariert werden. Funktionieren sie aber gut, so sind sie die Energiespeicher für mein Praktizieren und mein Glück.
Die Samen für alle diese Energien sind in meinem Speicherbewusstsein enthalten. Es kann sein, dass ich sage: „In mir ist keine Freude“ oder „ Ich kenne keinen Ärger“. Das bedeutet aber nur, dass Freude oder Ärger derzeit in meinem Geistesbewusstsein nicht vorhanden sind., jedoch auf tiefere Bewusstseinsebene, nämlich in meinem Grund- oder Speicherbewusstsein, da sind beide vorhanden, und wenn die Bedingungen günstig sind, werden sich die Samen für Freude oder Ärger sehr wohl manifestieren.Ich mag sagen: „Ich bin nicht ärgerlich. In mir gibt es keinen Ärger.“ Aber dennoch ist Ärger in mir unbewusst vorhanden, aber er ist nicht in Erscheinung getreten, sondern schlummert in den Tiefen meines Speicherbewusstseins, denn in mir und in den anderen Menschen gibt es den Samen des Ärgers. Mein Praktizieren muss darauf abzielen, die positiven Samen in mir zu stärken und die negativen ruhen zu lassen, denn es ist nicht richtig zu sagen: „Ich kann nicht praktizieren, bevor ich nicht alle unheilsamen Samen vernichtet habe.“ Habe ich sie tatsächlich alle vernichtet, so gibt es nichts mehr, was ich üben müsste. Ich muss jetzt üben, mit all den unheilsamen Samen in mir. Wenn ich das nicht tue, so werden die negativen Samen wachsen und an Kraft gewinnen und viel Leiden verursachen.
Die fünf Kräfte in mir lebendig werden zu lassen bedeutet, das Erdreich meines Speicherbewusstseins zu kultivieren, gute Samen auszusäen und sie zu wässern, damit sie gedeihen können. Wenn sie dann in mein Geistesbewusstsein aufsteigen und sich in Blumen und Früchte verwandeln, werden sie weitere gute Samen in mein Speicherbewusstsein ausstreuen. Möchte ich, dass heilsame Samen in meinem Geistesbewusstsein zu finden sind, so ist Kontinuität die Voraussetzung.Zwei buddhistische Schulen sprechen von der Bedingung der Kontinuität. Damit etwas existiert, darf es keine Unterbrechung geben, denn unaufhörliche Aufeinanderfolge ist nötig. Früchte, die aus heilsamen Samen entstanden sind, produzieren selbst wieder heilsame Samen.
Im Lotus-Sutra heißt es: Alle fühlenden Wesen haben Buddha-Natur. Unter den richtigen Bedingungen geht der Same der Buddha-Natur in mir auf. Dieser Same kann auch als Same Rechter Achtsamkeit bezeichnet werden oder als Same der Weisheit. Sie alle sind eins, und durch mein Praktizieren verhelfe ich diesen wunderbaren Samen dazu, sich zu manifestieren. Bin ich achtsam, so ist auch die Sammlung da, und mein Geist ist gesammelt. Wenn mein Geist gesammelt ist, so sind Verstehen und Weisheit da, und ich habe Vertrauen, und es mangelt mir nicht an Tatkraft. Achtsamkeit ist der Same des Buddha in mir. Sammlung ist also schon im Samen der Achtsamkeit enthalten.
Die Bezeichnung „Buddha“ leitet sich aus der Verbwurzel „budh“ her, was soviel wie „erwachen“, „wahrhaft verstehen“, „in tiefstem Sinne wissen, was geschieht“ bedeutet. Wo Wissen, Verstehen und Zur-Wirklichkeit-Erwachen ist, ist auch Achtsamkeit, denn Achtsamkeit bedeutet, das, was geschieht, zu erkennen und in seiner ganzen Tiefe zu begreifen. Ob mein Verstehen tief oder oberflächlich ist, hängt vom Grad meines Erwachens ab. In mir und jedem anderen ist der Same der Buddha-Schaft vorhanden. Ich und die anderen besitzen die Buddha-Natur, d.h. Die Fähigkeit, zu erwachen und zu verstehen. In mir und den anderen gibt es den Samen der Achtsamkeit, den Samen der Bewusstheit für das, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht. Wenn ich sage: „Ein Lotus für mich, der ich ein zukünftiger Buddha bin“, will ich damit zum Ausdruck bringen: „Ich erkenne die Buddha-Natur in mir“. Vielleicht fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass der Same des Buddha in mir ist, aber ich und die anderen haben die Fähigkeit zu Vertrauen, Erwachen, verstehen und achtsamen Gewahrsam, und das ist, was mit Buddha-Natur gemeint ist. Es gibt niemanden, der oder die nicht ein Buddha werden könnte.
Aber der Schatz, nach dem ich suche, bleibt mir zumeist verborgen. Höre auf, so zu sein, wie der Mann im Lotus-Sutra, der in der ganzen Welt nach einem Edelstein suchte, den er die ganze Zeit in seiner Tasche trug. Ich finde zu meiner wahren Natur zurück, und ich nehme mein wahres Erbe in Empfang. Ich suche das Glück nicht außerhalb meiner selbst. Ich lasse die Vorstellung fahren, ich könnte nicht glücklich sein. Glück ist auch für mich verfügbar, in mir selbst.
Der Bodhisattva mit Namen, „Niemals-Verachten begegnete allen Wesen mit Hochachtung. Er verspürte niemanden gegenüber Abneigung, weil er wusste, dass ich und andere zu einem Buddha werden können. Er verneigte sich vor jedem Kind und jedem Erwachsenen und sagte: „Ich bringe es nicht fertig, euch zu verachten, denn ich erkenne einen zukünftigen Buddha in euch.“ Es gab Menschen, die darüber beglückt waren, so dass Vertrauen in ihnen aufkam. Andere jedoch, die glaubten, er wolle sich über sie lustig machen, beschimpften ihn und bewarfen ihn mit Steinen. Doch er ließ sich sein ganzes Leben lang nicht davon abbringen, andere daran zu erinnern, dass die Fähigkeit zu erwachen in ihnen war. Warum sollte ich in der ganzen Welt herumziehen auf der Suche nach etwas, was ich schon jetzt besitze? Ich bin bereits jetzt der reichste Mensch auf Erden.
Wie kann ich einem Menschen helfen, der glaubt, sich selbst nicht lieben zu können? Wie kann ich ihm helfen, mit dem bereits in ihm befindliche Samen der Liebe in Berührung zu kommen, so dass dieser sich als Blume manifestiert, und er lächeln kann? Als guter Freund oder Freundin muss ich es lernen, tief in mein eigenes Bewusstsein und in das des anderen zu schauen. Dann kann ich ihm helfen, diesen Samen zu kultivieren und seine Fähigkeit „zu lieben“ zu verwirklichen. So wird es sein und ihr Minderwertigkeitskomplex verschwindet.
Es gibt die sechste Kraft, die mit „Herzens weite“ oder „Fähigkeit zur Akzeptanz schwieriger Bedingungen“ umschrieben werden könnte. Die Fähigkeit, glücklich zu sein, ist etwas sehr Kostbares. Ein Mensch, der selbst angesichts von Schwierigkeiten noch Glück verspüren kann, ist in der Lage, sich und seinen Mitmenschen eine Quelle des Lichts und der Freude zu sein. Wenn ich in der Nähe eines solchen Menschen bin, überträgt sich seine Freude auch auf mich, und ich fühle mich glücklich.
Würde dieser Mensch die Hölle betreten, so würde der Klang seines Lachens selbst an diesen Ort in einem freundlichen Licht erscheinen lassen. Es gibt einen Bodhisattva mit Namen Kshitigarbha, der es auf sich nimmt, dorthin zu gehen, wo tiefstes Leiden herrscht, um den leidenden Wesen Licht und Lachen zu schenken. Wenn es in meiner Sangha auch nur einen solchen Menschen gibt, einen Menschen, der in allen Situationen lächeln und fröhlich sein kann, und den sein Vertrauen niemals verlässt, so ist meine Sangha eine gute Sangha.
Ich frage mich selbst: „Bin ich so ein Mensch?“ Oberflächlich betrachtet, mag ich glauben, ich wäre es nicht. Möglicherweise leide ich unter einem Minderwertigkeitskomplex, der auch eine Art von Stolz darstellt. Ich folge dem Rat des Bodhisattva „Niemals-Verachten“ und schau tief in mein Speicherbewusstsein, damit ich erkennen kann, dass in mir der Samen des Glücks und die Fähigkeit, zu lieben und glücklich zu sein, vorhanden sind. Ich mag glauben, Geschirrspülen sei eine niedrige Arbeit, aber ich kann glücklich sein, wenn ich die Ärmel hochkrempeln, Wasser in das Becken laufen lasse und das Spülmittel dazugebe. Indem ich das Geschirr achtsam abwasche, erkenne ich, wie wunderbar das Leben ist. In jedem Augenblick habe ich die Möglichkeit, die Samen des Glücks in mir zu kräftigen. Wenn ich die Fähigkeit entwickle, in jeder Situation glücklich zu sein, werde ich in der Lage sein, andere an meinem Glück und meiner Freude teilhaben zu lassen.
Andernfalls denke ich vielleicht: „Was für eine schreckliche Situation! Ich muss anderswo hingehen, wo ich glücklicher sein kann.“ Und ich ziehe von Ort zu Ort wie der „Verlorene Sohn“. Wenn ich mir meiner Fähigkeit bewusst werde, an jedem Ort glücklich zu sein, gelingt es mir, zu jeder Zeit im gegenwärtigen Augenblick Wurzeln zu schlagen. Ganz gleich, wie beschaffen der gegenwärtige Augenblick ist, ich werde die Situation hinnehmen, sowie sie ist, und sie zur Grundlage meines Lebens und meines Glücks machen. Ich bin glücklich, wenn die Sonne scheint, aber wenn es regnet, bin ich gleichfalls glücklich. Ich brauche nirgends anders hingehen, und ich brauche nicht in die Zukunft zu reisen oder in die Vergangenheit zurückzukehren. Mein wahres Zuhause ist der gegenwärtige Augenblick. In ihm finde ich alle Bedingungen für mein Glück. Ich brauche nur die Samen des Glücks berühren, die schon in mir sind.
Ich stell mir vor, ich komme in einen gepflegten Garten und erblicke eine wunderschöne, frisch erblühte Rose, die ich gerne haben möchte. Breche ich sie ab, so komme ich unweigerlich mit einigen Dornen in Berührung. Da ist die Rosenblüte, aber das sind auch die Dornen. Ich muss eine Möglichkeit finden, mit den Dornen fertig zu werden, um die Rose pflücken zu können. Und genauso ist es mit meinem Praktizieren. Ich sage nicht, ich könnte mich an gar nichts erfreuen, da noch Ärger oder Traurigkeit in meinem Herzen sind. ich muss lernen, mit meinem Ärger oder meiner Traurigkeit richtig umzugehen, sodass die Blumen der Freude mir nicht verloren gehen. Ich Muss nur ein wenig geschickt sei , um die Blume pflücken zu können.
Die beste Zeit, um positive Samen zu wässern, ist dann gegeben, wenn die sogenannten „Fesseln“ oder „inneren Knoten“, und das leiden in meinem Speicherbewusstsein untätig ruhen. Sobald sich Gefühle des Schmerzes in meinem Geistesbewusstsein manifestieren, muss ich, um richtig mit ihnen umzugehen, achtsam atmen und Gehmeditation praktizieren. Ich lasse die Möglichkeit, die Samen des Glücks zu wässern, nicht mehr solcher Samen Eingang finden in mein Speicherbewusstsein.
Als es nicht mehr zu übersehen war, dass das Leben des Buddha zu Ende ging, hörte der ihn betreuende Mönch Ananda nicht auf zu weinen. Der Buddha tröstete ihn und sagte: „Alle Buddhas der Vergangenheit hatten gute Weggefährten, aber keiner war so gut wie du, Ananda“. Ananda hatte stets liebevoll für den Buddha gesorgt, und mit dieser Bemerkung wässerte der Erwachte die Samen des Glücks in seinem Gefährten. Zu anderer zeit sagte er: „Ananda, siehst die herrlichen goldenen Reisfelder, die sich bis zum Horizont hin ausdehnen? Wie schön sie sind!“ Ananda antwortete: „Ja, Herr, sie sind wunderschön!“
Der Buddha erinnerte Ananda stets daran, die schönen Dinge in seiner Umgebung nicht zu übersehen. Ananda war bemüht, dem Buddha, all seine Fürsorge zukommen zu lassen, aber er außerstande, in seinem täglichen Leben die Rosen wahrzunehmen.
Wenn ich eine Wolke am Himmel sehe, so mache ich meinen Freund oder meine Freundin darauf aufmerksam und frage: „Siehst du die Wolke dort? Ist sie nicht wunderschön?“ Wie kann ich es anstellen, dass die Samen des Glücks in mir täglich gewässert werden? Dadurch, dass ich Freude kultiviere und Liebe praktiziere. Das gelingt mir leicht, wenn die Energie der Achtsamkeit in mir ist. Wie kann ich, ohne achtsam zu sein, das goldene reisfeld erblicken? Wie kann ich den erfrischenden Regen spüren? Ich atme ein und weiß, dass es regnet. Ich atme aus und schenke dem Regen ein Lächeln. Ich atme ein und weiß, wie wichtig der Regen für alles Leben ist. Ich atme aus, und wieder lächle ich. Achtsamkeit hilft mir, das verloren geglaubte Paradies wieder zu erlangen.
Im Grunde meines Herzens möchte ich mein wahres Zuhause wiederfinden, aber ich habe es mir angewöhnt davonzulaufen. Ich möchte auf einer Lotusblume sitzen, statt dessen sitze ich auf brennenden Kohlen, von denen ich aufspringen will. Veranker ich mich aber fest im gegenwärtigen Augenblick, so ist es so, als ob ich auf einen Lotus säße. Es gibt viele Darstellungen des friedlich auf einer Lotusblüte sitzenden Buddha. Der Buddha ist immer Zuhause. Er braucht vor nichts davonzulaufen und hinter nichts mehr herzujagen. Er ist angekommen. Zu sitzen und sich des gegenwärtigen Augenblicks zu erfreuen wird, „Nur-Sitzen“ oder „Nicht-Handeln“ genannt. Der Ehrwürdige Thich Quang Duc war selbst dann imstande, friedvoll zu sitzen, als Flammen ihn umzingelten. Er brannte, aber er blieb auf einem Lotus sitzen. Das ist die äußerte Fähigkeit: In jeder Situation friedvoll sitzen bleiben und die Gewissheit haben, das nichts verloren ist. Die Fähigkeit, die überall Geistesruhe zu bewahren und inneren Frieden zu spüren, ist ein positiver Same. Die Energie, die mich antreibt davonzulaufen, ist es nicht. Wenn ich Achtsamkeit praktiziere, sobald der Wunsch zum Fortlaufen in mir aufkommt, kann ich ihn anlächeln und sagen: „Hallo, mein Freund, da bist du ja wieder! Ich habe dich erkennt.“ In dem Augenblick, da ich eine meiner Gewohnheitsenergien erkenne, verliert sie ein wenig von ihrer Kraft. Sooft dem Buddha Mara erschien, sagte er: „Ich kenne dich, alter Freund,“ und Mara flüchtete.
Das Samiddhi-Sutra lehrt mir, so zu praktizieren, dass ich im Hier und Jetzt Glück erfahren kann. Ich brauche nicht davonzulaufen und mein gegenwärtiges Zuhause aufzugeben. Ich brauche nicht nach einem illusorischen Ort der Zuflucht zu suchen, einem sogenannten Paradies, das in Wirklichkeit nichts ist als ein hauch von Glück. Wenn ich in meinem geistigen Kraftwerk Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Sammlung und Verstehen erzeuge, erkenne ich, dass mein wahres Zuhause schon jetzt erfüllt ist von Licht und Kraft.







Dienstag, 3. Juli 2018

Die Fünf Daseins-Aggregate

Die Fünf Daseins-Aggregate
Der buddhistischen Lehre zufolge sind es fünf Aggregate, „skandha“, aus denen ein Mensch sich zusammensetzt. Diese fünf Komponenten, auch „Aggregate des Anhaftens“, „Daseins- oder Aneignungsgruppen“ oder „Zusammenhäufungen“genannt, sind: Form, Gefühle, Wahrnehmungen, Geistesformationen und Bewusstsein. Diese fünf Aggregate machen die gesamte Existenz aus. In ihnen ist alles enthalten: Innen- wie die Außenwelt, der Mikrokosmos wie der Makrokosmos, Natur und Gesellschaft, denn außer ihnen gibt es nichts.
Das erste Aggregat ist „Form“, rupa,. Mit Form ist mein Körper gemeint, einschließlich meiner fünf Sinnesorgane und meines Nervensystems. Ich lege mich auf den Rücken, wenn ich Achtsamkeit auf den Körper praktizieren will, und übe völlige Entspannung. Ich gestatte es meinem Körper zu ruhen, und richte sodann meine Aufmerksamkeit auf meine Stirn. „Ich atme ein und bin mir meiner Stirn bewusst, und ich atme aus und lächle meiner Stirn zu.“ Ich nehme die Energie der Achtsamkeit zu Hilfe, um mit ihr erst meine Stirn, dann mein Gehirn, meine Augen, meine Ohren und meine Nase zu umarmen. Ich werde mir des jeweiligen Körperteils bewusst, wenn ich einatme und den Körperteil zulächle, wenn ich ausatme. Ich umarme in gleicher Weise mein Herz, meine Lunge und meinen Magen. „Ich atme ein und bin mir eines Herzens bewusst. Ich atme aus und lächle meinem Herzen zu.“
Ich gehe so Schritt für Schritt mit meiner Achtsamkeit durch meinen Körper und schenke jedem Körperteil lächelnd mein Mitgefühl und meine Anteilnahme. Wenn ich damit fertig bin, so werde ich mich wunderbar fühlen, und das Ganze wird nur eine halbe Stunde dauern. Doch während dieser Zeit, da ich meinem Körper meine volle Aufmerksamkeit zukommen lasse, wird er tief entspannen und zur Ruhe kommen. Ich gönne ihm die Ruhe und umarme ihn mit Zärtlichkeit, Mitgefühl, Achtsamkeit und Liebe.
Ich lerne es, meinen Körper als einen Fluss zu betrachten, wobei jede Zelle ein Tropfen Wasser ist. In jedem Augenblick werden Zellen geboren, in jedem Augenblick sterben Zellen. Geburt und Tod bauen aufeinander auf.
Will ich Achtsamkeit auf den Körper praktizieren, so folge ich meinem Atem und richte meine Aufmerksamkeit gezielt auf jedes einzelne Körperteil, vom Scheitel bis zur Sohle. Ich atme achtsam ein und aus und umarme jeden Körperteil mit der Energie der Achtsamkeit, und ich schenke ihm ein liebevolles und anerkennendes Lächeln. Der Buddha lehrte, dass es zweiunddreißig Körperteile gibt, die ich unbewusst wahrnehme und bewusst umarmen sollte. Ich werde mir der für alles körperliche grundlegende Elemente wie Erde, Wasser, Luft und feuer in meinem Körperbewusstsein. Ich erkenne, in welchem Zusammenhang diese vier Elemente innerhalb und außerhalb meines Körpers stehen. Ich nehme die lebendige Präsenz meiner Vorfahren so wie zukünftigen Generationen wahr, aber auch die Präsenz aller anderen Erscheinungen wie der tierischen, pflanzlichen und mineralischen Welt. Ich mache mir die Position meines Körpers wie Stehen, Sitzen, Gehen, Liegen bewusst und registriere jede seiner Bewegungen und Tätigkeiten wie Beugen, Strecken, Duschen, Ankleiden, Essen, Arbeiten usw. Wenn ich diese Übungen meistere, wird es mir nicht schwerfallen, auch meiner aufkommenden Gefühle und Wahrnehmungen gewahr zu werden, und ich werde in der Lage sein, in sie tief zu schauen.
Ich erkenne die Unbeständigkeit in meinem Körper und seine „Intersein“-Natur: Er kann aus sich selbst heraus nicht existieren, sondern ist von allen anderen, was ist, abhängig. Wenn mir bewusst wird, dass es keine dauerhafte Entität hat, werde ich mich nicht länger mit ihm identifizieren oder ihn als etwas Geformtes, das leer von jeglicher Substanz ist, die „Selbst“ genannt werden könnte. Betrachte ihn als einen Ozean voller versteckter Wellen und Seemonster. Es gibt Zeiten, da ist der Ozean ganz still, zu anderen Zeiten, aber ist er wild und von Stürmen aufgepeitscht. Lerne, die Wellen zu beruhigen und die Monster zu zähmen, ohne mich von ihnen davonzutragen oder gefangennehmen zu lassen. Tiefes Schauen verhilft meinem Körper dazu, aufzuhören, ein Aggregat des Anhaftens „upadana-skandha“, zu sein. So erlange ich die Freiheit und bin nicht länger vor Angst gelähmt.
Das zweite Aggregat sind die „Gefühle“, die „Empfindungen“, vedana. In mir fließt ein ganzer Strom von Gefühlen, und jeder Tropfen Wasser ist ein Gefühl. Lasst mich meine Gefühle betrachten, als ob ich am Ufer eines Flusses sitze und aufmerksam verfolge, was da alles vorbeifließt. Lasst mich jedes einzelne Gefühl, das vorbei kommt identifizieren. Es kann angenehm, unangenehm und neutral sein. Ein Gefühl hält eine Weile an, und dann wird es von einem anderen abgelöst. Meditieren heißt, sich jedes einzelne Gefühl bewusst zu werden. Ich nehme es wahr, lächle es an, schaue tief in es hinein und umarme es von ganzem Herzen. Wenn ich auf diese Weise beständig tiefes Schauen übe, entdecke ich die wahre Natur eines jeden Gefühls, und ich verliere meine Angst, selbst vor einer schmerzlichen Empfindung. Mir wird klar, dass ich mehr bin als meine Gefühle, und es gelingt mir, jedes Gefühl liebevoll zu umarmen und mich ihm fürsorglich zu zuwenden.
Indem ich tief in jedes Gefühl schaue, identifiziere ich seine Wurzeln, die in meinem Körper, meinen Wahrnehmungen oder meinem Tiefeinbewusstsein liegen können. Ein Gefühl verstehen bedeutet, seine Transformation möglich zu machen. Ich lerne es, auch meine starken Emotionen mit der Energie der Achtsamkeit zu umarmen, bis sie sich beruhigt haben. Ich praktiziere achtsames Atmen, und richte meine Aufmerksamkeit auf das Heben und Senken meiner Bauchdecke und kümmere mich ebenso liebevoll um meine Gefühle, wie ich mich um meinen kleinen Bruder oder meine kleine Schwester kümmern würde.Ich schaue tief in meine Empfindungen und Emotionen und identifiziere die Nährstoffe, die sie haben entstehen lassen. Ich bin mir darüber im klaren, dass ich meine Empfindungen und Emotionen transformieren kann, wenn ich gesündere Nahrung zu mir nehme. Meine Gefühle sind Formationen, unbeständig und ohne Substanz. Ich lerne es, mich nicht mit ihnen zu identifizieren, sie nicht als ein „Selbst“ zu betrachten, nicht Geborgenheit bei ihnen zu suchen und ihretwegen nicht zu sterben. Ein solches Praktizieren hilft mir, Furchtlosigkeit zu kultivieren, und es befreit mich von meiner Gewohnheit des Anhaftens, des Festhaltens und des Festhaltens selbst am Leiden.
Das dritte Aggregat sind die Wahrnehmungen „samjna“. Unaufhörlich durchströmt mich ein Fluss von Wahrnehmungen. Wahrnehmungen erscheinen, bleiben eine Weile bestehen und verschwinden wieder. In diese Kategorie gehören das Bemerken, das Benennen und In-Begriffe-Fassen als auch der Wahrnehmende und das Wahrgenommene selbst. Meine Wahrnehmungen beruhen oft auf Täuschung, was Schmerz und Leiden zur Folge hat. Es ist selbst nützlich, wenn ich mich frage: „Kann ich mir des Wahrgenommenen wirklich sicher sein?“ und tief in die Natur meiner Wahrnehmung schauen. Bin ich mir von Anfang an zu sicher, dass sie richtig ist, ist Leiden fast unausweichlich? Mit der frage, ob ich mich wirklich sicher bin, gebe ich mir die Möglichkeit, noch einmal genau hinzuschauen und festzustellen, ob meine Wahrnehmung richtig oder falsch ist. Der Wahrnehmende und das Wahrgenommene sind nicht voneinander zu trennen. Nimmt der Wahrnehmende falsch wahr, so ist das Wahrgenommene gleichfalls falsch.
Ein Mann ruderte mit seinem Boot stromabwärts, als er plötzlich ein anderes Boot auf sich zukommen sah. Er rief: „Vorsicht! Vorsicht! Aufgepasst.“ Aber das Boot rammte sein Boot und brachte es fast zum Kentern. Der Mann wurde wütend und fing an zu schimpfen. Als er genau hinschaute, stellte er fest, dass in dem anderen Boot niemand saß, denn das Boot war von selber stromabwärts getrieben. Der Mann erkannte, dass er einer falschen Wahrnehmung aufgesessen war, und er musste lachen. Wenn meine Wahrnehmungen korrekt sind, fühle ich mich gut, aber sind sie falsch, so verursachen sie eine Menge unangenehmer Gefühle. Ich muss in alles tief schauen, damit nicht Leiden und unerfreuliche Gefühle in mir ausgelöst werden. Zwischen meinem Wohlsein und meinen Wahrnehmungen besteht ein enger Zusammenhang.
Meine Gier und mein Hass, mein Ärger und meine Eifersucht, meine Angst und meine Gewohnheitsenergie bedingen meine Wahrnehmungen. Mangelnde Einsicht in die Natur der Unbeständigkeit und des „Interseins“ von allen Erscheinungen führt zu fehlerhaften Wahrnehmungen. Indem ich Achtsamkeit übe, meinen Geist zu sammeln und tiefes Schauen zu praktizieren, kann ich die Irrtümer in meinen Wahrnehmungen entdecken und mich von Angst und Anhaften befreien. Alles Leiden wird aus falschen Wahrnehmungen geboren. Verstehen, die Frucht der Meditation, kann meine falschen Wahrnehmungen auflösen und mich befreien. Ich muss auf der Hut sein und darf meinen Wahrnehmungen niemals trauen. Das Diamant-Sutra erinnert mich: „Wo es Wahrnehmungen gibt, da ist auch Täuschung.“ Ich sollte mich darum bemühen, Wahrnehmungen durch „prajna“, d.h. Tiefe Einsichten und wahres Wissen, zu ersetzen.
Das vierte Aggregat sind die sogenannten Geistesformationen, „samskara“. Alles, was aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, ist eine „Formation“. Eine Blume ist eine Formation, weil er Sonnenschein, die Wolken, Samen, Mineralien, Gärtner usw. zu ihrem verstehen beigetragen haben. Angst ist ebenfalls eine Formation, eine geistige Formation. Mein Körper ist eine Formation, eine physische Formation. Gefühle und Wahrnehmungen sind geistige Formationen. Aber weil ihnen eine so große Bedeutung zukommt, sind sie in eigene Kategorien aufgeführt. Die Vijnanavda-Schule der nördlichen Tradition spricht von einundfünfzig verschiedenen Kategorien geistiger Formationen.
Das vierte Aggregat umfasst neunundvierzig dieser geistigen Formationen, aber Gefühle und Wahrnehmungen sind nicht mit einbezogen. Alle einundfünfzig Geistesformationen liegen in Form von Samen, „bija“, in der Tiefe meines Speicherbewusstseins. Sooft ein Samenkorn berührt wird, manifestiert es sich als geistige Formation in der oberen Schicht meines Bewusstseins, im Geistbewusstsein. Ich muss mich darin üben, mich der Manifestation und Präsenz von Geistesformationen bewusst zu werden und tief in sie zu schauen., um ihre wahre Natur zu erkennen. Wenn ich erkannt habe, dass alle Geistesformationen unbeständig sind und keine wirkliche Substanz haben, identifiziere ich mich nicht länger mit ihnen und such in ihnen auch keine Geborgenheit mehr. Tägliches Üben versetzt mich in die Lage, heilsame geistige Formationen zu entwickeln und zu nähren und unheilsame zu transformieren, denn Freiheit, Furchtlosigkeit und Frieden sind die Frucht solchen Übens.
Das fünfte Aggregat ist das „Bewusstsein“, „vijnana“. Damit ist in diesem Zusammenhang das Speicherbewusstsein gemeint, das allem, was ich bin, zugrunde liegt und das Fundament aller meiner geistigen Formationen ist. Wenn geistige Formationen sich nicht manifestieren, ruhen sie in Form von Samen in meinem Speicherbewusstsein, als Samen von Freude, Friede, Verstehen und Mitgefühl, aber auch als Samen von Achtlosigkeit, Eifersucht, Angst und Verzweiflung.So wie es einundfünfzig verschiedene Geistesformationen gibt, so liegen einundfünfzig verschiedene Samen verborgen in meinem Speicherbewusstsein. Sooft ich einen davon wässer oder es zulasse, dass andere ihn wässern, wird dieser Same sich in meinem Geistesbewusstsein manifestieren und zu einer Geistesformation werden. Ich muss sehr darauf achtgeben, welchen Samen ich selbst wässer oder durch andere wässern lasse. Kräftige ich die negativen Samen, so können sie leicht die Herrschaft über mich gewinnen. Das fünfte Aggregat enthält die anderen vier in sich und bildet die Grundlage meiner Existenz.
Bewusstsein ist kollektiv und individuell. Das kollektive Bewusstsein entsteht aus dem individuellen, und das individuelle aus dem kollektiven. Dadurch, das ich alle Tätigkeiten in Achtsamkeit verrichte, meine Sinne bewache und tief schaue, kann ich ein Bewusstsein an seiner Basis transformieren. Mein Üben sollte darauf abzielen, sowohl den individuellen als auch den kollektiven Teil meine Bewusstseins zu transformieren. Damit eine solche Transformation möglich wird, ist es unerlässlich, zusammen mit einer Sangha zu praktizieren. Wenn die unheilsame Saat in mir in eine heilsame verwandelt ist, wird mein Bewusstsein zu strahlender Weisheit werden und sowohl Einzelwesen als auch der gesamten Gesellschaft den Weg zur Befreiung weisen.
Diese fünf Aggregate sind durch „Intersein“ gekennzeichnet. Verspüre ich ein Gefühl des Schmerzes in mir, so schau ich in meinen Körper, meine Wahrnehmungen, eine Geistesformationen und mein Bewusstsein, um herauszufinden, worauf dieses Gefühl zurückzuführen ist. Leide ich unter Kopfschmerzen, so rührt das schmerzhafte Gefühl von dem ersten Aggregat, Form oder Körper, her. Gefühle des Schmerzes können auch in Geistesformationen oder falschen Wahrnehmungen ihren Ursprung haben. Es kann sein, dass ich den Eindruck habe, ein bestimmter Mensch würde mich hassen, aber in Wirklichkeit bringt er mir große Sympathien entgegen.
Ich schaue tief in die fünf Flüsse in mir, und erkenne, wie in jedem einzelnen Fluss die anderen vier mit enthalten sind. Betrachte den Fluss namens „Form“. Zunächst mag ich der Meinung sein, das Form nur etwas Physisches ist und nichts Geistiges. Aber jede Zelle meines Körpers enthält auch alle anderen Aspekte meiner Person. Es ist heute möglich geworden, aus einer einzigen Zelle eine genetisch identische Kopie des ganzen Körpers herzustellen. Man nennt das „Klonen“.Das Eine enthält das Ganze. Eine einzige Zelle meines Körpers enthält den ganzen Körper, sie enthält auch alle meine Gefühle, Wahrnehmungen, geistige Formationen und mein Bewusstsein, und nicht nur das meine, auch das meiner Eltern und meiner anderen Vorfahren. Jedes Aggregat enthält alle anderen Aggregate. In jedem Gefühl sind alle Wahrnehmungen, Geistesformationen und das Bewusstsein enthalten. Indem ich in ein einziges Gefühl schaue, kann ich alles andere entdecken. Ich öffne meine Augen für das „Intersein“ aller Erscheinungen, und ich werde das Eine in dem Ganzen und das Ganze in dem Einen erkennen. Glaube nicht, dass Form außerhalb der Gefühle bestünde oder Gefühle außerhalb von Form.
Im Sutra vom Ingangsetzen des Rades der Lehre sagte der Buddha: „Hafte ich an den fünf Aggregaten, so schaffe ich Leiden.“ Er behauptete nicht, dass die Aggregate an sich Leiden seien. Das Ratnakuta-Sutra bringt ein sinnfälliges Bild. Ein Mann wirft mit einem Klumpen nach einem Hund. Der Hund schaut den Klumpen an und stürzt sich wild bellend auf ihn. Er hat nicht begriffen, dass der Mann für seinen Schmerz verantwortlich ist und nicht der Klumpen. In dem Sutra heißt es weiter: „Ebenso glaubt ein in dualistischen Vorstellungen verfangener Mensch gewöhnlich die fünf Aggregate seien die Ursache für sein Leiden, aber in Wirklichkeit hat sein Leiden seinen Ursprung in seinem mangelnden Verständnis von Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und der wechselseitigen Abhängigkeit dieser fünf Aggregate. Nicht die fünf Aggregate bringen mir Leiden, Leiden wird ausgelöst durch mein Verhältnis zu ihnen. Wenn mir bewusst ist, dass alles was ist, unbeständig ist, werde ich dem Leiden gegenüber keine Ablehnung spüren. Im Gegenteil, dieses Wissen wird mir helfen, das Leben als eine Kostbarkeit anzusehen.
Ohne Einsicht und Verstehen hafte ich an den Dingen und lasse mich von ihnen gefangennehmen. Das Ratnakuta-Sutra bedient sich der Begriffe „skandhä“ und „upadana-skandha“. Unter „skandhas“ sind die fünf Aggregate zu verstehen, die in ihrem Zusammenwirken Leben entstehen lassen. „Upadana-skandhas“ sind die gleichen Aggregate nur als Objekte meines Ergreifens und Anhaftens betrachtet. Mein Leiden hat seinen Ursprung in meinem Anhaften nicht in den Skandhas selbst. Es gibt Menschen, die aufgrund ihres Leidens das Sechsinnengebiet fürchten und den fünf Aggregaten ablehnend gegenüberstehen, anstatt sich im klaren darüber zu sein, dass es ihr Anhaften ist, was sie unglücklich macht. Ein Buddha ist ein Mensch, der in Frieden, Freude und Freiheit lebt, nichts fürchtet und an nichts haftet.
Ich praktiziere in der rechten Weise, wenn ich achtsam ein- und ausatme und die fünf Aggregate in mir miteinander harmonisieren. Aber es reicht nicht aus, mich allein auf diese fünf Komponenten in mir zu beschränken. Ich muss erkennen, dass meine Wurzeln in Umwelt und Gesellschaft, in der Natur und in meinen Mitmenschen liegen. Also meditiere ich über die in mir zusammenwirkenden fünf Komponenten, die ich erkenne, dass meine Person und das Universum nichts Getrenntes sind, sondern eine Einheit. Als der Bodhisattva Avalokita tief in die Wirklichkeit der fünf Aggregate schaute, erkannte er die Leerheit des Selbst und wurde vom Leiden befreit. Wenn ich die fünf Skandhas beständig kontempliere, kann auch ich mein Leiden überwinden. Werden die fünf Komponenten zu ihrem Ursprung zurückgeführt, so hört das, was ich irrtümlicherweise für ein Selbst hielt, auf zu existieren. Das Eine in der Vielheit erkennen heißt, mein Haften an der falschen Vorstellung von einem Selbst zu durchbrechen, heißt, den Glauben an ein Selbst als eines unveränderlich Seienden zu überwinden. Wenn ich mich von dieser falschen Anschauung befreie, befreie ich mich von jeder Form des Leidens.