Freitag, 27. November 2015

Warum meditieren?

Warum meditieren?
Es gibt eine Geschichte von Buddha, kurz nachdem er seine Erleuchtung erlangt hatte. Er ging eine staubige Landstraße entlang und begegnet dabei einem Wanderer. Der sah in ihm einen schönen Yogi von bemerkenswerter Ausstrahlung.
Du scheinst ganz außergewöhnlich zu sein,“ sagte der Wanderer. „Was bist du? Eine Art Engel oder Deva? Offensichtlich bist du kein Mensch:“
Nein,“ sagte Buddha.
Bist du dann vielleicht eine Art Gott?“ fragte der Wanderer.
Nein,“ sagte Buddha.
Ein Hexenmeister oder ein Zauberer?“ fragte der Wanderer
Nein,“ erwiderte Buddha.
Was bist du denn dann?“ fragte der Wanderer.
Darauf antwortete Buddha: „Ich bin erwacht.“
Mit diesen drei Worten „Ich bin erwacht“ umschreibt er den Kern aller buddhistischen Lehren. „Buddha“ bezeichnet jemanden, der erwacht ist. Ein Buddha zu sein bedeutet, jemand zu sein, der zur wahren Natur von Leben und Tod erwacht ist und inmitten der Welt sein Mitgefühl erweckt und befreit hat.
Die Praxis der Meditation verlangt nicht von uns, dass wir Buddhisten werden oder in der Meditation versunkene oder spirituelle Menschen. Sie lädt uns lediglich dazu ein, die jedem Menschen eigene Fähigkeit zu erwachen in Anspruch zu nehmen. Achtsamer zu sein und gegenwärtiger, mitfühlender und wacher, ist etwas, das wir lernen können, wenn wir auf einem Meditationskissen sitzen, aber die Achtsamkeit hilft uns auch bei vielen anderen Gelegenheiten beim Programmieren eines Computers, beim Tennisspielen, beim Lieben oder beim Spazierengehen am Meer, wenn wir dem Leben lauschen,, das uns umgibt. Wach zu sein und wirklich gegenwärtig, ist tatsächlich die wesentliche Kunst in allen anderen Künsten.
Was ist das, zu dem wir erwachen sollen? Wir erwachen zu dem, was die Buddhisten Dharma nennen. „Dharma“ bezieht sich auf die universelle Wahrheiten: die Gesetze des Universums und die Lehren, die es beschreiben. In diesem Sinne ist Dharma etwas, das sich augenblicklich enthüllen kann. Es ist die Weisheit, die immer gegenwärtig ist und nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
Das Dharma der Weisheit, zu dem wir erwachen können, ist die Wahrheit, die genau dort ist, wo wir sind, wenn wir uns von unseren Fantasien und Erinnerungen lösen und uns der Wirklichkeit der Gegenwart einlassen. Wenn wir das tun und ganz aufmerksam sind, dann beginnen wir, die Merkmale des Dharma in eben dem Leben zu erkennen, das wir gerade leben.
Zu den ersten Merkmalen des Dharma, die während der Meditation enthüllen, gehören Unbeständigkeit und Unsicherheit. „So sollst du denken über diese flüchtige Welt“, heißt es in einem buddhistischen Sutra. „Ein Stern in der Dämmerung, eine Luftblase in einem Fluss, ein Lichtblitz in einer Sommerwolke, ein Echo, ein Regenbogen, ein Trugbild und ein Traum.“ Je ruhiger du sitzt, je genauer du beobachtest desto deutlicher wird dir, dass sich alles, was du siehst, in einem Zustand der Veränderung befindet. Gewöhnlich erscheint uns alles, was wir erleben, beständig, auch unsere Persönlichkeit, unsere Umwelt, unsere Gefühle und die Gedanken in unserem Kopf. Es ist, als wenn wir uns einen Film anschauen und in der Handlung gefangen sind, so dass sie uns als wirklich erscheint, obwohl es nur flackernde Bilder auf eine Leinwand sind. Wenn man sich konzentriert, dann merkt man oder man erkennt, dass es in Wirklichkeit Standbilder sind, denn eines erscheint, dann kommt das nächste.
Das geschieht auch in unserem Leben. Und es ist so: Nchts bleibt im Leben für eine längere Zeit beständig oder unverändert. Man braucht kein Meister der Meditation zu sein, denn man erkennt, das alles stets in einem Wandel begriffen ist. Konnte man je einen bestimmten Geisteszustand über einen langen Zeitraum aufrechterhalten? Oder gibt es irgendwas im Leben, das ganz und gar gleich bleibt?
Dies bringt uns zum zweiten Gesetz des Dharma. Wenn wir wollen, dass Dinge, die sich ständig ändern, unverändert bleiben, und uns daran festklammern, werden wir eine Enttäuschung erleben und leiden. Nicht, dass wir leiden müssen, und es dient auch nicht dazu, uns zu bestrafen. Es ist einfach der Lauf der Welt und es ist so elementar wie die Schwerkraft. Wenn wir krampfhaft darauf bestehen, dass etwas so bleibt, wie es ist, dann wird es sich trotzdem verändern. Wenn wir versuchen, daran festzuhalten, „wie es war“, dann wird uns das nur Leid und Enttäuschung einbringen, dann das Leben ist ein Fluss, und alles ändert sich.
Wenn wir also beginnen, die Gesetze des Lebens anzuerkennen, dass die Dinge unbeständig sind und dass dass Anhaftung Leid verursacht, dann können wir auch fühlen, dass es einen anderen Weg geben muss. Und es gibt ihn. Man könnte den Weg als „Unsicherheitsweisheit“ bezeichnen. Das ist die Fähigkeit, mit den Veränderungen zu fließen, zu erkennen, dass sich alles in einem Wandlungsprozess befindet,und sich entspannt in die Ungewissheit zu fügen. Die Meditation lehrt uns, wie wir loslassen und und inmitten des Wandels in unserer Mitte bleiben können. Wenn wir erst einmal eingesehen haben, dass alles unbeständig ist und wir es nicht festhalten können, und dass wir eine gewaltige Menge Leid auf uns ziehen, wenn wir daran haften, dass die Dinge gleich bleiben , dann erkennen wir auch, dass die klügere Art zu leben darin besteht sich zu entspannen und loszulassen. Wir erkennen, dass Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, Lust und Pein zum Tanz des Lebens dazugehören, der uns, die wir in einen menschlichen Körper hineingeboren wurden, auferlegt ist. Loslassen bedeutet vielmehr, dass wir uns in kluger und den Umständen angepasster Weise um die Dinge kümmern. In der Meditation schenken wir unserem Körper eine sorgsame und respektvolle Beachtung.
Wenn wir nach der Natur des Körpers fragen, dann stellen wir fest, dass er wächst, altert, gelegentlich krank wird und am Ende stirbt. Bei der Meditation können wir den Zustand unseres Körpers unmittelbar empfinden, die Spannungen, die wir in uns festhalten, das Maß an Ermüdung oder Energie Zeitweise fühlen wir uns in unserem Körper wohl, zeitweise bereitet er uns Schmerzen. Einmal sind wir ruhig, ein anderes Mal rastlos. Während der Meditation haben wir die Empfindung, dass wir unseren Körper nicht wirklich besitzen, sondern ihn vielmehr nur für kurze Zeit bewohnen, und dass er sich in dieser Zeit von selbst verändert, ohne sich darum zu kümmern, was wir gerne erleben möchten. Das Gleiche gilt für unseren Geist und unser Herz, mit seinen Hoffnungen und Befürchtungen, mit Freude und Leid. Je länger wir meditieren, desto mehr Weisheit erwächst uns im Umgang mit dem, was Katastrophe genannt wird. Anstatt uns vor schmerzhaften Erfahrungen zu fürchten und vor ihnen wegzulaufen oder nach angenehmen Erfahrungen zu streben in der Hoffnung, sie mögen andauern, wenn wir uns daran festklammern, werden wir schließlich erkennen, dass unser Herz die Fähigkeit hat, für all das gegenwärtig zu sein und voller und freier damit zu leben, was gerade da ist. Wenn wir erkennen, dass alles früher und später verschwindet, die angenehmen Dinge ebenso wie die erfreulichen, dann können wir uns dazwischen mit Gelassenheit einrichten.
Wir meditieren also, um zur Erkenntnis der Lebensgesetze zu erwachen. Wir erwachen, indem wir die Aufmerksamkeit von der Vielzahl unserer Gedanken und Ideen abziehen und sie auf unseren Körper und unsere Empfindungen lenken. Wir beginnen zu verstehen, wie unser Körper und unser Geist funktionieren, und so können wir eine weisere Beziehung zu ihnen aufnehmen. Der Kern dieses inneren Übungsweges ist das aufmerksame Lauschen und Achten auf unser Umfeld, auf unseren Körper, unseren Geist, auf unser Herz und auf die Welt um uns herum. Das ist es, was als Achtsamkeit bezeichnet wird, eine sorgsame und respektvolle Aufmerksamkeit.
Die Achtsamkeit, die wir durch die Meditation lernen, ist unter allen Umständen hilfreich. Durch die Achtsamkeit lernt man, die inneren Stimmen zu hören. Du kannst aber auch lernen, mit voller Achtsamkeit auf seine Gefühle zu achten, auf die angenehmen, die neutralen und die unangenehmen Aspekte deiner Erfahrungen bewusst zu machen. Du kannst lernen, dass du dich nicht vor dem, was schmerzhaft ist, zu fürchten brauchst und dass du dich nicht an das klammern brauchst, was angenehm ist. Wir sind oft im Glauben erzogen worden, dass das so sein müsste, aber wenn wir meditieren, wird es nicht schnell offensichtlich, dass es uns weder zum Frieden noch zum Glücklichsein führt, uns an die angenehmen die Dinge zu klammern oder die Dinge zu fürchten, die uns Schmerz bereiten. Tatsache ist: Die Dinge verändern sich, egal ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn wir darauf bestehen, dass alles so bleibt wie es ist, oder wenn wir das wegstoßen, was wir nicht mögen, dann lassen sich Veränderungen auch nicht aufhalten. Es führt nur zu weiterem Leiden.
In der Meditation indessen entdecken wir eine natürliche, offenherzige und nicht bewertende Bewusstheit für unseren Körper und unsere Gefühle. Schritt für Schritt können wir diese gütige und offene Bewusstheit dazu bringen, alles wahrzunehmen, was unseren Geist ausmacht. Wir lernen, das Gesetz der Unbeständigkeit zu verstehen und ihm zu vertrauen, das heißt, dass wir damit anfangen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Und im Verlauf dieses Prozesses beginnen wir zu begreifen, wie wir zu allem, was ist, mitfühlend, gütig und weise eine Beziehung herstellen können.




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