Freitag, 19. Juni 2015

Der fehlende Dirigent.

Der fehlende Dirigent.
Der Geist sitzt nicht im Kopf.
Wenn man das Gehirn als Symphonie oder Symphonie-Orchester bezeichnet, so müsste es auch einen Dirigenten geben? Sollte da nicht ein objektiv identifizierbares Teil oder ein Organ vorhanden sein, das alles leitet und dirigiert?
Das Gefühl ist da, dass es so etwas geben müsste, denn ich beziehe mich darauf, so zum Beispiel: „Ich habe mich entschieden“ oder „In meinem Geist herrscht totale Leere“ oder „Ich muss den Verstand verloren haben.“
Man hat sich eine Unmenge Mühe gegeben, einen Dirigenten zu suchen, man wollte eine Zelle oder Zellgruppe ausfindig machen, die die Regie über das Empfinden, die Wahrnehmung, das Denken und andere Formen von mentaler Aktivität inne hatte, aber auch bei einer höchstentwickelten Technologie konnte man keinen Beweis für einen Dirigenten entdecken.
Es gibt kein Areal, also kein „Selbst“ oder „Ich“ im Gehirn, die für die Koordinierung der Kommunikation verantwortlich wären.
Die Suche nach einem Dirigenten hat man aufgegeben und man widmet sich dem Erforschen der Prinzipien und Mechanismen, nach denen Milliarden von im ganzen Gehirn verteilten Neuronen ihre Aktivität harmonisch koordinieren können, ohne einer zentralen Leitstelle zu bedürfen.
Der Gedanke eines im Gehirn angesammelten „Ichs“ oder „Selbst“ beruhte in vieler Hinsicht auf dem Einfluss der klassischen Physik, die sich traditionell auf die Erforschung der Gesetze konzentriert.
Legt man die herkömmliche Sichtweite zugrunde, dann müsste der Geist, wenn er eine Auswirkung hat, so zum Beispiel auf Gefühle und Emotionen, irgendwo lokalisierbar sein.
In der modernen Physik ist die Vorstellung von beständigen, aus fester Materie bestehenden Entitäten ins Wanken geraten. Wenn jemand ein vorstellbar winziges Element der Materie ausfindig machte, dann entdeckte ein anderer ein noch winzigeres Teilchen, das sich zusammensetzt. Jeder Forschungsschritt macht es schwierig, grundlegendes materielles Element endgültig auszumachen.
Kann man das Gehirn in subatomare Teilchen zerlegen? Und man zerlegt es vielleicht, dann fragt man sich, wenn man es logisch betrachtet, wie jemand mit Sicherheit ein einziges dieser Stückchen präzise als Geist identifizieren kann.
Der tibetisch-buddhistische Begriff für Geist ist „sem“, das man so übersetzen kann „das, was weiß“.
Der Geist ist deshalb kein spezifisches Objekt, sondern die Fähigkeit, unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen zu erkennen und darüber nachzudenken.
Das Gehirn ist die physische Stütze für den Geist, denn der Geist selbst ist nicht, das man sehen, berühren oder mit Werten definieren kann. Sowie man das physische Organ des Auges nicht mit dem Sehen und das physische Organ des Ohres nicht mit dem Hören gleichzusetzen ist, ist das Gehirn auch nicht identisch mit dem Geist.
Der Geist ist nicht als eine eigenständige Entität zu betrachten, sondern als eine sich fortwährende entfaltende Erfahrung. Was wir für unsere Identität halten: mein Geist, mein Körper, mein Ich in Wirklichkeit eine Illusion ist, die von einem unaufhörlichen Strom von Gedanken, Emotionen, Empfindungen und Wahrnehmungen erzeugt wird.
Wen man jeden Gedanken, jedes Gefühl, jede Empfindung, die durch das Bewusstsein streichen, beobachtet, so löst sich die Illusion von einem begrenzten „Ich“ oder „Selbst“ auf und wird durch ein Gewahrsam ersetzt, das sehr viel ruhiger, weiträumiger und gelassener ist.


Die Mittagssonne in all ihrer Freude und Herrlichkeit scheint für Jedermann. Sie teilt ihren Reichtum mit königlicher Freigiebigkeit aus. Halte Dich auf dem Zenit Deines Lebens, und Du wirst unerschöpflich sein, für Dich und für die Anderen.

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