Dienstag, 23. Dezember 2014

Warum meditieren?

Warum Meditieren?
Es gibt eine Geschichte von Buddha, kurz nachdem er seine Erleuchtung er­langt hatte. Er ging auf einer staubigen Landstraße entlang und begegnete einen Wanderer. Der sah in ihm einen schönen Yogi von bemerkenswerter Ausstrah­lung.
Du scheinst ganz außergewöhnlich zu sein,“ sagte der Wanderer. „Was bist du? Eine Art von Engel oder Deva? Offensichtlich bis du kein Mensch.“
Nein,“ sagte Buddha.
Bist du dann vielleicht eine Art Gott?“
Nein,“ sagte Buddha.
Ein Hexenmeister oder Zauberer.“
Nein,“ sagte Buddha.
Dann bist du also doch ein Mensch?
Nein,“ erwiderte Buddha.
Was bist du dann?“
Darauf antwortete Buddha: „Ich bin erwacht.“
Mit diesen drei Worten „ich bin erwacht“ umschreibt Buddha den Kern aller buddhistischen Lehren. Also so bezeichnet „Buddha“ jemanden, der erwacht ist.
Ein Buddha zu sein bedeutet, jemand zu sein, der zur wahren Natur von Leben und Tod erwacht ist und inmitten der Welt sein Mitgefühl erweckt und befreit hat.
Auch wenn man die Meditation praktiziert, dann wird nicht verlangt, dass man Buddhist wird oder in Meditation versunkene oder spirituelle Menschen. Man wird lediglich dazu eingeladen, die in jedem Menschen eigene Fähigkeit „zu er­wachen“ in Anspruch zu nehmen. Also achtsamer zu sein und gegenwärtiger, mitfühlender und wacher, dass ist etwas, das man lernen kann, wenn man auf einem Meditationskissen sitzt, aber die Achtsamkeit hilft uns auch bei vielen anderen Gelegenheiten: beim programmieren eines Computers, beim Tenniss­pielen, beim Lieben oder beim Spaziergehen am Meer, wenn wir das Leben be­lauschen wollen, das uns umgibt.
Wach und wirklich gegenwärtig zu sein, ist tatsächlich wesentlich Kunst in al­len anderen Künsten.
Aber man fragt sich: was ist das, zu dem man erwachen soll? Man erwacht zu dem, was die Buddhisten Dharma nennen. „Dharma“ ist ein Wort aus dem Sanskrit und Pali, das sich auf die universellen Wahrheiten bezieht: das sind die Gesetze des Universums und die Lehren, die es beschreiben. In diesem Sinne ist Dharam etwas, das sich augenblicklich enthüllen kann. Es ist die Weisheit, die immer gegenwärtig ist und nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
Aber das ist etwas anders, als darauf zu warten, dass Gott in Glanz und Gloria vom Himmel herabsteigt, oder als eine große spirituelle Erleuchtung oder als eine wundervolle übersinnliche Erfahrung. Das Dharma der Weisheit, zudem wir erwachen können, ist die Wahrheit, die genau dort ist, wo wir sind, wenn wir uns von unseren Fantasien und Erinnerungen lösen und uns auf die Wirk­lichkeit der Gegenwart einlassen. Wenn wir das tun und ganz aufmerksam sind, dann beginnen wir, die Merkmale das Dharma in eben dem Leben zu erkennen, das wir gerade leben. Zu den ersten Merkmalen des Dharma, die sich während der Meditation enthüllen, gehören Unbeständigkeit und Unsicherheit. „So sollst du denken über diese flüchtige Welt,“ heißt es in einem buddhistischen Sutra. „Ein Stern in der Dämmerung, eine Luftblase in einem Fluss, ein Lichtblitz in einer Sommerwolke, ein Echo, ein Regenbogen, ein Trugbild und ein Traum.“ Je ruhiger du sitzt, je genauer du beobachtest, desto deutlicher wird dir, dass sich alles, was du siehst, in einem Zustand der Veränderung befindet. Gewöhn­lich erscheint uns alles, was wir erleben, auch unsere Persönlichkeit, unsere Umwelt, unsere Gefühle und die Gedanken in unserem Kopf. Es ist so, als wenn wir uns einen Film anschauen und derartig von der Handlung gefangen sind, obwohl es sich doch nur um flackernde Lichter auf einer Leinwand han­delt. Wenn du dich aber sehr sorgfältig konzentrierst auf das, was du siehst, dann ist es möglich zu erkennen, dass der Film in Wirklichkeit aus einer Folge von Standbildern besteht, die eines nach dem anderen ablaufen. Eines erscheint, dann kommt eine kurze Unterbrechung, und dann taucht das nächste auf.
Genau das geschieht in unserem Leben. Denn es ist so: „Nichts im Leben bleibt für eine sehr lange Zeit beständig oder unverändert. Du brauchst kein Meister im Meditieren zu sein, um zu erkennen, dass alles stets im Wandel begriffen ist. Konntest du jemals einen bestimmten Geistesgegenstand über einen sehr langen Zeitraum aufrechterhalten? Gibt es irgendetwas im Leben, dass ganz und gar gleich bleibt?
Dies bringt uns zum zweiten Gesetz des Dharma. Wenn wir wollen, dass Din­ge, die sich ständig ändern unverändert bleiben, und uns daran festklammern, werden wir eine Enttäuschung erleben und leiden. Nicht, dass wir leiden müs­sen, und es dient auch nicht dazu, uns zu bestrafen. Es ist einfach der Lauf der Welt und es ist so elementar wie die Schwerkraft.
Wenn wir krampfhaft darauf bestehen, dass etwas so bleibt, wie es ist, dann wird es sich trotzdem verändern. Wenn wir versuchen, daran festzuhalten, „wie es war“, dann wird uns das, nur Leid und Enttäuschung einbringen, denn das Leben ist ein Fluss, und alles ändert sich.
Wenn wir also beginnen, die Gesetze des Lebens anzuerkennen, dass die Dinge unbeständig sind und das Anhaftung Leid verursacht, dann können wir auch fühlen, dass es einen anderen Weg geben muss. Und es gibt ihn. Man könnte diesen Weg auch als Unsicherheitsweisheit bezeichnen. Das ist die Fähigkeit mit den Veränderungen zu fließen, zu erkennen, dass sich alles in einem Wand­lungsprozess befindet, und sich entspannt in die Ungewissheit zu fügen. Die Meditation lehrt uns, wie wir loslassen und inmitten des Wandels in unserer Mitte bleiben können. Wenn wir erst einmal eingesehen haben, dass wir eine gewaltige Menge Leid auf uns ziehen, wenn wir daran haften, dass die Dinge gleich bleiben, dann erkennen wir auch, dass die klügere Art zu leben darin be­steht, sich zu entspannen und loszulassen. Wir erkennen, dass Gewinn und Ver­lust, Lob und Tadel, Lust und Pein zum Tanz des Lebens dazu gehören, der uns, die wir im menschlichen Körper hineingeboren wurden, auferlegt ist. Los­lassen bedeutet nicht, den Dingen gleichgültig gegenüber zu stehen. Es bedeu­tet viel mehr, dass wir uns in kluger und den Umständen angepasster Weise, um die Dinge kümmern. In der Meditation schenken wir unseren Körper eine sorg­same und respektvolle Beachtung. Wenn wir nach der Natur des Körpers fra­gen, dann stellen wir fest, dass er wächst, altert, gelegentlich krank wird und am Ende stirbt. Bei der Meditation können wir den Zustand unseres Körpers unmittelbar empfinden, die Spannungen, die wir in uns festhalten, das Maß an Ermüdung oder Energie. Zeitweise fühlen wir uns in unserem Körper wohl, zeitweise bereitet er uns Schmerzen. Einmal sind wir ruhig, ein anderes Mal rastlos. Während der Meditation haben wir die Empfindung, dass wir unseren Körper nicht wirklich besitzen, sondern ihn vielmehr nur für eine kurze Zeit be­wohnen, und dass er sich in die Zeit von selbst verändert, ohne sich darum zu kümmern, was wir gerne erleben möchten. Das Gleiche gilt für unseren Geist und unser Herz, mit seinen Hoffnungen und Befürchtungen, mit Freude und Leid. Je länger wir meditieren, desto mehr Weisheit erwächst uns im Umgang mit dem, was als ganze Katastrophe genannt wird.
Anstatt aus vor schmerzhaften Erfahrungen zu fürchten und vor ihnen wegzu­laufen oder nach angenehmen Erfahrungen zu streben, in der Hoffnung, sie mö­gen andauern, wenn wir uns nur daran festklammern, werden wir schließlich er­kennen, dass unser Herz die Fähigkeit hat, für all das gegenwärtig zu sein und voller und freier mit dem zu leben, was gerade da ist.
Wenn wir erkennen, dass alles früher oder später verschwindet, die angeneh­men Dinge ebenso wie die unerfreulichen, dann können wir uns dazwischen mit Gelassenheit einrichten.
Wir meditieren also, um zur Erkenntnis der Lebensgesetze zu erwachen. Wir erwachen, indem wir die Aufmerksamkeit von der Vielzahl unserer Gedanken und Ideen abziehen und sie auf unseren Körper und unsere Empfindungen len­ken. Wir beginnen zu verstehen, wie unser Körper und unser Geist funktionie­ren, und so können wir eine weisere Beziehung zu ihnen aufnehmen. Der Kern dieses inneren Übungsweges ist das aufmerksame Lauschen und Achten auf un­ser Umfeld, auf unseren Körper, auf unseren Geist, auf unser Herz und auf die Welt um uns herum. Das ist es, was als Aufmerksamkeit bezeichnet wird, eine sorgsame und respektvolle Aufmerksamkeit.
Die Achtsamkeit, die wir durch die Meditation lernen, ist unter allen Umstän­den hilfreich. Man kann sie zum Beispiel während des Essens einsetzen. Du kannst auf die Stimme in deinem Bauch hören, die sagt: „Ich habe genug, ich fühle mich wohl, ich bin gesättigt.“ Du kannst auch auf die Stimme in deiner Zunge hören, die dazwischen flüstert: “Mensch, aber diese Frucht hat so gut ge­schmeckt, lass uns noch etwas davon essen.“ Du kannst auch auf deine Augen hören, wenn sie sagen: „Da drüben steht ein Nachtisch, den wir noch nicht pro­biert haben.“
Durch Achtsamkeit kannst du lernen, all diese verschiedenen Stimmen in dei­nem Inneren zu hören. Du kannst ebenso lernen, mit voller Aufmerksamkeit auf diene Gefühle zu achten, dir die angenehmen, die neutralen und die unangeneh­men Aspekte deiner Erfahrungen bewusst zu machen. Du kannst lernen, dass dich nicht vor dem, was schmerzhaft ist, zu fürchten brauchst und dass du dich nicht an das zu klammern brauchst, was angenehm ist. Wir sind oft zum Glau­ben erzogen worden, das dass so sein müsste, aber wenn wir meditieren, wird es schnell offensichtlich, dass es uns weder zum Frieden noch zum Glücklich­sein führt, uns an die angenehmen Dinge zu klammern oder die Dinge zu fürch­ten, die uns Schmerzen bereiten. Tatsache ist: Die Dinge ändern sich, egal ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn wir darauf bestehen, dass alles so bleibt, wie es ist, oder wenn wir das wegstoßen, was wir nicht mögen, dann las­sen sich Veränderungen auch nicht aufhalten. Es führt nur zu weiterem Leiden.
In der Meditation entdecken wir eine natürliche, offenherzige und nicht bewer­tende Bewusstheit, für unseren Körper und unsere Gefühle. Schritt für Schritt können wir diese gütige und offene Bewusstheit dazu bringen, alles wahrzuneh­men, was unseren Geist ausmacht. Wir lernen, das Gesetz der Unbeständigkeit zu verstehen und ihm zu vertrauen, d.h., dass wir damit anfangen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Und im Verlauf dieses Prozesses beginnen wir zu begreifen, wie wir zu allem, was ist, mit fühlend, gütig und weise eine Bezie­hung herstellen zu können.






















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