Dienstag, 20. September 2011

Vor der Stadt

Zwei Musikanten ziehen daher

vom Wald aus weiter Ferne,

der eine ist verleibt gar sehr,

der andere wäre es gerne.

Die stehen all hier im kalten Wind

und singen schön und geigen:

ob nicht ein süß verträumtes Kind

am Fenster sich wollte zeigen.


Eigentlich ein schönes Gedicht, das nur aus wenigen Zeilen besteht, aber in diesen Zeilen steckt mehr, als man erahnen könnte. Allein die zwei Musikanten. Es könnten auch zwei jungen Männer sein bzw. zwei Jungen. Diese Beiden haben ein Mädchen entdeckt, das beide sehr lieben. Und sie möchten dem Mädchen irgendwie den Hof machen.

Nicht nur einer ist verliebt, sondern wie ich schon sagte, sind beide in einem Mäd­chen verliebt, und so versucht jeder auf irgendeine Weise an seine Liebe heranzu­kommen.

Das erinnert an meine erste Liebe, die ich heute noch verehre, und mit der ich 47 Jah­re schon verheiratet bin. Auch hier habe ich alles getan, um bei ihr zu sein. Ich habe ihr kleine Geschenke gemacht, die sie heute noch hat. Diese Geschenke sollten eine Erinnerung an unsere erste leidenschaftliche Liebe sein, die irgendwann vergänglich sein wird, aber nicht Vergangenheit ist, sondern sie ändert sich nur, wird tiefer und intensiver. Leidenschaft ist am Anfang einer Liebe, später kommt dann der Alltag mit seinen Sorgen und Problemen, was auch gelöst werden muss, und kann erst gelöst werden, wenn sich eine intensive Liebe ausgebildet hat.

Ich stand wohl nicht im kalten Wind wie die Musiker und sang und geigte auch nicht, aber ich vergötterte meine Liebe, und ich gab ihr die Zuwendung meiner Leiden­schaft. Das ist mehr als singen und geigen.

Am symbolischen Fenster stand nicht das süß verträumte Kind, sondern dort stand meine Liebe, aber auch süß und verträumt.

Heute gehen noch meine Gedanken zurück in diese Zeit, aber so wird es wohl immer sein.

Die Liebe an einem Menschen, den man wirklich liebt, wird nie erlöschen, denn eine gewachsene Liebe ist stärker als nur die Leidenschaft. Die Leidenschaft ist kurz und verlöscht dann, aber wenn man mit der da einsetzenden Liebe nicht zurecht kommt, dann hat die Leidenschaft nur den kurzen Teil der entflammenden Liebe erfasst.

Aber ich würde auch im kalten Wind stehen, um meiner Liebe zu huldigen.



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