Samstag, 9. Juli 2011

Wimmersbüll

Ich wurde in Süderlügum eingeschult. Jetzt sollte ich die Erfahrung mit einer anderen Welt machen. Mit einer Welt, die mich in das Erwachsenenleben hineinführen sollte, und das ohne eine vollständige Familie, denn mein Vater fehlte. Aber ich hatte es nicht gemerkt.

Ich bekam einen guten Lehrer, der sehr viel Verständnis für uns Kinder hatte.

Doch ein halbes Jahr später landeten wir im ehemaligen Arbeitsdienstlager. Hier lebten jetzt viele Menschen, also Flüchtlinge, aus den ostdeutschen Provinzen wie Ostpreußen, West­preußen, Schlesien und Pommern. Hier lebten wir auf einem engen Raum in Baracken, die nicht ganz dicht waren, und die Wände und das Dach bestanden aus dünnen Brettern.

Besonders schön war es bei Hitze, aber auch im Winter, wenn der kalte Wind blies.

Die neue Schule befand sich im großen ehemaligen Tagesraum des Lagers der Arbeitsdiens­tes. Hier waren alle neun Klassen zusammen. Ich befand mich in der srsten Klasse.

Der Lehrer war Pflaumenbaum. Ein rabiater Musterschüler der ehemaligen Nazis. Ob er ei­ner gewesen war, weiß ich nicht, aber seine Erziehungsmethoden waren wirklich vorsint­flutlich, selbst Abraham muss wesentlich methodischer in seiner Erziehung gewesen sein. Prügel gab es den ganzen Tag, und manche waren die richtigen Prügelknaben. In der ersten Klasse blieb ich gleich kleben, also ich wiederholte die Klasse, warum auch nicht. Dann kam der Tag, den ich je nachdem aber Pflaumenbaum nicht vergessen konnte. Es war so. Ich meldete mich, dass ich auf das Klo müsse, aber Pflaumenbaum meinte nur, es sei die Pause dazu da. Ich hatte habe aber an diesem Tag eine Durchfallerkrankung, und ich wuss­te, Pflaumenbaum würde mich nicht raus lassen. Nun gut, die Hose war schnell unten, und der Boden war schnell beschissen. Die in meinem Umkreis saßen, hatten schnell etwas mit­bekommen, aber die anderen nicht.

Nun, was auch bei Menschen nach hinten rausgeht, riecht irgendwann etwas komisch, und so war es auch bei mir. Pflaumenbaum staunte nicht schlecht, und er war da sprachlos, was leider nicht lange vorhielt. Aber ich hatte jetzt einst erreicht, dass er mich schnell auf Toilet­te ließ.

Wir nannten die Schule nur Lagerschule. Es war nicht schlecht in dieser Schule. Obwohl Pflaumenbaum den Rabiator spielte, war er ein guter Lehrer, und deswegen möchte ich ihn sehr gerne.

Mit meinen Freunden aus Süderlügum blieb ich weiterhin zusammen. Viele kleine Streiche gingen auf unser Konto. Ich war so sieben bis acht Jahre alt, ein Alter, in dem man seine Fä­higkeiten zu Streichen entwickelt. Wir hatten getrennte Schulen, aber ansonsten blieben wir so wie wir waren. Es war uns egal ob wir Flüchtlinge oder Einheimische waren, wir mach­ten da keinen Unterschied.

Dann kam der Tag, an dem die Schule wechselten, d.h. wir wurden in die normale Schule von Wimmersbüll hinein verfrachtet. Aber in dieser Schule gab es zwei Klassenzimmer. In das eine Zimmer kamen die 1. bis einschließlich 4.Klasse. In das andere die 5. bis 9.Klasse.

So lief der Unterricht hervorragend, denn die Lehrer hatten scheinbar eine hervorragende Ausbildung gehabt.

Diese Schule blieb mir nicht lange vergönnt. Als ich in die 4.Klasse kam, kamen wir in die Grenzlandschule. Es war eine neue Schule mit Realschule. Wie die Lehrer das geschafft hatten, das war schon eine große Leistung. Und auch unsere Leistungen sollten wachsen, denn besonders meine waren hervorragend. Ich wollte unbedingt auf das Gymnasium nach Niebüll. Doch dann kam der Niederschlag, nicht durch die Lehrer, sondern durch die eigene Mutter. Sie wollte, dass ich zu einem Bauern in Arbeit gehen sollte, damit sie das Geld be­kommt. Ihr ging es nicht um die Bildung, sondern nur um das persönliche Geld.

Das verursachte in mir einen erheblichen Schock, denn ich konnte nicht begreifen, warum ich die Prüfung für das Gymnasium machen konnte, obwohl ich in der 4.Klasse besonders fleißig war, und gute Leistung gebracht hatte. Von da ging es wieder bergab mit den Leis­tungen, denn ich hatte kaum noch Lust, die Schule weiterhin zu besuchen.

Keine Kommentare: