Freitag, 1. Juli 2011

Unbeschrankter Bahnübergang

Im Lager, wo ich ab 1948 wohnte, es war ein altes Arbeitsdienstlager des Reichsarbeits­dienstes, gab es sehr viele Flüchtlinge, die man da untergebracht hatte. In der Hauptsache wohnten dort Frauen und Kinder, also Großeltern, Mütter und Kinder. Ich wohnte mit mei­ner Mutter, meiner Tante und den beiden Schwestern in einem kleinen Raum. Aber allen ging es so. Ich hatte keinen Vater, den habe ich nie kennengelernt, denn die Familie nannte nie seinen Namen, so dass ich heute nicht einmal meinen Vater kenne. Ich hatte nur den Na­men von dem Mann bekommen, den meine Mutter 1944 geheiratet hatte.

Das Lager war auf Sand von alten Dünen gebaut worden. Es bestand aus 6 Wohnbaracken, einer Stabsbaracke, einer Wachbaracke, einer Kantinenbaracke, einer Waschbaracke und ei­ner Toilettenbaracke.

Am Rande des Lagers standen teilweise Dornenbüsche, aber auch Stacheldrahtzäune. Es gab noch einen begrasten Exerzierplatz, sonst weiter nichts. So sah das Lager aus, indem ich dann bis 1959 lebte. Es gab viele Kinder in diesem Lager und man hatte Freunde, die ab 1949 das Lager langsam verließen, und die Raumnot wurde dann auch aufgehoben.

So gingen auch Freunde weg, aber zum Glück hatte ich noch Freunde im Dorf Süderlügum oder Wimmersbüll, denn das Lager gehörte zu Wimmersbüll.

Ab meinem 12.Lebensjahr hatte ich nur noch Beziehungen zu meinen Freunden in Süderlü­gum. Ab dem 14.Lebensjahr besuchte ich die Mittelschule in Wimmersbüll, und mit dem 15.Lebensjahr gingen die Freunde in eine Berufsausbildung.

Zur eigenen Familie hatte ich wenig Bezug, denn hier war ich nicht beliebt, obwohl ich al­les tat, was zu tun war, aber Anerkennung bekam ich nie, was mich aber nie störte. Ich habe auch nie Hass oder Verachtung gegenüber meiner Familie gezeigt, aber irgendeine Gleich­gültigkeit gegenüber meiner Familie bestand.

Wenn ich zu meinem Freund Dieter ging, dann ging ich oft durch den Wald, und musste dann einen Bahnübergang überqueren.

Eine Zeitlang wurde dieser Bahnübergang von Zügen nicht befahren, weil es nach dem Kriege keine Verbindung nach Tondern in Dänemark gab. Dieser Bahnübergang war unbe­schrankt, und bei dem Verkehr nach dem Krieg brauchte man keine Schranken.

Doch in den 50-ziger Jahren, so ab 1954, wurde eine Verbindung nach Tondern und Esbjerg aufgebaut. Jetzt verkehrten täglich Züge auf dieser Strecke. Ich bin so mit 17 Jahren einmal nach Tondern mit dem Zug gefahren.

Dieser Bahnübergang wurde 1957 zu einem Unglücksort, denn ein Rentner wurde von ei­nem Zug überfahren. Es war der erste Tote, aber sowie ich glaube, auch der letzte Tote.

So wurde ein unscheinbarer Bahnübergang zu einem gefährlichen Übergang.













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