Dienstag, 5. Juli 2011

Neubrandenburg und das Lazarett

Wir bestiegen den Zug. Das Glück war mit uns, so dachten die Erwachsenen, denn ging es gen Westen, und damit außerhalb des Bezugsbereichs der Roten Armee, was meiner Familie dass wichtigste war.

Der Zug bewegte sich, denn es war ja die Rechtsbahn. Gut, die Abteile waren mit Menschen und Gepäck überfüllt. Ich hatte mich an ein Fenster gestellt, und ich schaute hinaus in die Landschaft. Es war nicht die Landschaft meiner Heimat. Sie war mir in gewisser Weise fremd, aber sie war anziehend, weil ich die Natur sehr gerne mochte. Für mich war die Na­tur etwas Schönes.

Etwas bemerkte ich nicht in diesem Zug. Durch die vielen Leute kam ich in die Nähe der Tür. Und plötzlich setzte der verstand aus. Ich befand mich im Zustand der Ohnmacht.

Dann wachte ich plötzlich auf. Ich schaute mich um, und sah nur einen Erdwall, aber keinen Menschen. Ich wollte aufstehen, aber dann bemerkte ich den stechenden Schmerz im linken Oberschenkel. Es tat sehr weh, und ich weinte. Plötzlich bemerkte ich meine Verlassenheit. Ich war allein, und hatte schwere Schmerzen.

Dann tauchten plötzlich Männer auf. Sie redeten in einer Sprache die ich nicht verstand. Zwei kamen zu mir herunter und sprachen mich im gebrochenen Deutsch, ich war froh. Aber der Klang der stimme kam mir sehr vertraut vor.

Später erfuhr ich, dass es russische Kriegsgefangene waren, die mich fanden und gleich ver­sorgten.

Besonders der das gebrochene Deutsch sprach, sprach ganz ruhig mit mir und tröstete mich. Ich glaube, er hatte in seiner Heimat selbst einige Kinder.

Dann kam die Lokomotive, aber ohne Wagons, und Oma kam aus der Lok heraus und lief gleich zu mir. Es war eine wunderschöne Begrüßung. Man lud mich auf die Lok und fuhr den in Richtung der Kleinstadt. Wie ich später erfuhr, war es Neubrandenburg. Dort kam ich in ein Krankenhaus, das auch gleichzeitig Lazarett war. Ich wurde gleich versorgt. Man betäubte mich, und erst später wachte ich wieder in einem Zimmer auf, in dem noch andere Menschen lagen.

Zivilisten und Soldaten lagen in einem Zimmer zusammen. Ich fand kein vertrautes Gesicht, und war sehr traurig darüber und weinte heimlich. Ich war doch schon ein großer Junge, und man durfte die Tränen nicht sehen.

Dann kam die Nacht. Plötzlich wurden wir im Dunkeln geweckt, und kamen in einen Kel­ler. Eine Sirene heulte sehr laut. Dann hörte ich sehr deutlich Flugzeuge, die über die Stadt hinwegflogen. Aber Bomben fielen nicht.

So ging es in der Folgezeit immer so. Ich wurde von meiner Oma ein paarmal besucht, dann nicht mehr, denn meine Oma hatte Neubrandenburg verlassen. Nur meine Mutter, meine Stiefschwester und meine schwangere Mutter sowie Ida waren in Neubrandenburg geblie­ben. Sie besuchen mich hin und wieder im Krankenhaus, aber ansonsten lag ich allein im Krankenhaus, und hatte nur Kontakt zu älteren Mitpatienten, die sich auch um mich küm­merten.

So gingen zwei Monate herum. Wie ich später hörte, wollte mich meine Mutter aus dem Krankenhaus heraus haben. Und sie erreichte es auch, dass ich aus dem Krankenhaus her­auskam. Wir verließen Neubrandenburg sofort, denn die Rote Armee war sehr dicht an die Stadt herangekommen. Aber wir schafften es wieder. Der Zug fuhr nach Lübeck und von da aus in Richtung dänische Grenze. Meine Mutter war schon hochschwanger zu der Zeit. Mein junge Tante, sie war 16 Jahre alt, machte jetzt alles. Sie versorgte meine schwangere Mutter und uns Kinder.

Die Zugfahrt zur dänischen Grenze war mit Unterbrechungen ausgestattet. Sehr oft wurde der Zug von englischen Kampfflugzeugen angegriffen. Wir mussten oft den Zug verlassen, um uns draußen eine Deckungsmöglichkeit zu suchen.

Es war eine Zugfahrt mit großen Hindernissen. Für mich stellte es sich wieder als Abenteuer dar, aber die Trauer von meiner Mutter, meiner Schwester und meiner Tante machte mir schon zu schaffen.

So erreichten wir bald die kleine Kreisstadt Niebüll in Nordfriesland.


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