Samstag, 2. Juli 2011

Im Moor festgesessen

Es muss so im Jahre 1944 gewesen sein. Ich lebte mit meiner Familie noch in Ostpreußen, in meiner Geburtsheimat. Es müsste das Frühjahr gewesen sein, als meine Tante Ida mit ih­rer Freundin, die gleichaltrige Tochter des Bauern Fabian, fortgingen. Meine Tante hatte sich vom Haus weggeschlichen, denn sie wollte es vermeiden, mich mitzunehmen.

Aber ich hatte doch die Ahnung gehabt, dass da was im Busch steckte, und beobachtete meine Tante genau. Als sie dann heimlich das Haus verließ, folgte ich ihr, aber sie war schneller als ich, und so hatte ich das Nachsehen.

Ich kannte meine Umgebung sehr gut, denn ich hatte diese alleine durchstreicht, oder zu­sammen mit meiner Tante, die damals 15 Jahre alt war. Meine Großmutter erzählte mir spä­ter, ich hätte die Umgebung um unser Haus, auf 20 Km gut gekannt.

Ich wusste genau, wohin meine Tante wollte, und deshalb nahm ich eine Abkürzung in Kauf, aber ich überlegte nicht so genau, wohin diese Abkürzung führte, was ich dann später erfahren sollte.

Natürlich war die Erde feucht, denn der Schnee des Winters war geschmolzen, es hatte auch etwas geregnet, es war das typische Frühjahreswetter, gut für die Landwirte, denn jetzt konnten sie wieder draußen arbeiten.

So lief ich auf meiner Abkürzung, und das Ziel meines Angriffs war mir genau bekannt. Beim Laufen, mit meinen kurzen Beinen, merkte ich bald, wie meine kleinen Füße im Erd­reich immer häufiger steckenblieben. Aber mich erschreckte es nicht, denn meine Gedanken und mein Denken war darauf gerichtet, meine Tante rechtzeitig zu erwischen.

Die Götter des Frühjahrs hatte wahrscheinlich an diesem Tag etwas gegen mich. Denn ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher, meine Tante zu erwischen, weil ich sie auch nicht se­hen konnte.

Anfangs war ich immer im Gesichtskontakt zu ihr, aber dann war sie plötzlich weg. Nun, gut, ich ahnte schon, wo sie sein könnte, und so war mein Ziel der Bauernhof von Fabians.

Sonst nahm ich immer einen anderen Weg, um auf diesen Hof zu kommen, der fester im der Grundlage des Erdreiches war, aber jetzt hatte ich einen anderen Weg genommen, in der Annahme, auch dieser Weg würde sicher zum Bauernhof führen, sowie der Weg nach Rom, aber vielleicht sollte es auch anders werden.

Ich lief dann über ein gepflügtes Feld, dessen Erdreich anscheinend locker war, aber ich machte mir nicht viel daraus, denn die Gedanken waren nicht auf das gerichtet, was unter meinen Füssen war, sondern immer noch darauf, meine Tante rechtzeitig zu erwischen, um sie mit meiner Anwesenheit zu ärgern. Sie mochte mich sehr gern, denn ich war ihr kleiner Liebling, aber sie war da schon 15 Jahre alt und was das heißt, meine lieben Leser,ihr wisst es genau, denn das heißt so.

Meine Gedanken waren, mit meinem Liebling zusammen zu sein, koste es was es wolle, und das sollte es auch.

Meine Lieben, wie gut kann ich mich plötzlich an dieses Ereignis erinnern, als wenn es jetzt geschehen würde, aber ich bin von Ostpreußen weit weg, auch an Lebensjahren.

Ich war also auf dem Feld, und ich freute mich schon so sehr auf das Gesicht meiner Tante, wenn sie mich sehen konnte.

Plötzlich blieb ich stecken. Ich konnte meine Füße nicht mehr aus dem Erdreich ziehen. Ich begann an zu arbeiten, aber je heftiger meine Bewegungen wurden, um so tiefer sank ich in das Erdreich ein, und dann saß mein kleiner lieblicher Popo auf dem Erdreich.

Anfangs war es nicht so kalt, aber dann wurde es kälter und der Popo wurde sehr feucht und dann nass. Es war eine Freude, im oder auf das Nasse zu sitzen, die Beine nicht mehr bewe­gen zu können, und ich weinte, rief nach meiner Tante und später nach meiner Oma, aber keine Hilfe näherte sich, und so blieb ich mir selbst überlassen. Auch die Götter des Früh­jahrs hatten kein Erbarmen mit mir, wahrscheinlich konnten sie mich an diesem Tag nicht leiden, oder sie waren mit anderen Frauen einmal wieder unterwegs.

Und die Stunden ja die Minuten vergingen, nicht wie im Fluge, sondern sehr langsam und träge. Ich konnte die Zeit richtig sehen, und die Dämmerung senkte sich.

Ich dachte da an meine Freunde, die Elche und die Wölfe, und hoffte, die würden mich fin­den und dann Hilfe holen.

Die Dämmerung hatte mich schon erfasst, dann hörte ich die Stimmen, die nach mir such­ten, und meine Oma fand mich schließlich. Sie holten mich aus meinem Gefängnis heraus, und brachten mich nach Hause, und dort wurde ich mit alten Hausmitteln behandelt.

Meine Oma soll zu meiner Tante Ida gesagt haben, wenn der Junge sterben sollte, dann Gnade dir Gott.

Später erzählte sie mir, dass ein Wolf vor das Haus gekommen sei, und geheult haben soll. Sie sei dann rausgegangen, und sei dem Wolf gefolgt, der sie dahin geführt haben soll, wo ich im Erdreich festsaß.

Ich hatte viele tierische Freunde.


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