Montag, 4. Juli 2011

An der Oder

Meine Familie und ich hatten jetzt mein Ostpreußen verlassen, aber wir hofften, dass wir bald zurückkehren konnten. Wir kamen an der Oder an, aber es gab keine Möglichkeit über die Oder zu kommen, denn alle Brücken waren gesperrt. Sie waren nur für Wehrmachtsein­heiten offen.

Wir erhielten hier an der oder Quartier, ziemlich viel sogar, denn manche Bewohner hatten ihre Häuser schon verlassen, und sie hatten sich auf die Flucht nach Westen begeben. Unse­re Familie wurde auf zwei Ortschaften aufgeteilt. Meine Mutter, die jetzt schon ein gutes halbes Jahr schwanger war, meine Halbschwester und meine Tante Ida hatten gemeinsam ein Quartier bei einem älteren Ehepaar.

Es war sehr ruhig und bequem. Ich spielte oft mit dem wenigen Spielzeug, was wir mitge­nommen hatten, und war dann auch mit meiner Tante Ida unterwegs. Essen und Trinken brauchten wir nicht besorgen, denn das hatte die Oma reichlich bei sich. Ich war dann auch oft bei der Oma. An manchen Tagen gab es Regen vermischt mit Schnee, aber des Nachts konnte es sein, dass es schon schneite, wenn es auch nicht viel war.

Eines nachts hörte ich dann das Abschießen von Kanonen, aber gleichzeitig hörte ich auch das Rattern von Gewehrschüssen. Es war schon seltsam. In den ersten Tagen waren diese nächtlichen Störungen nicht oft, aber dann folgten sie fast täglich, auch kam es dann zu Schüssen tagsüber, aber nicht nur einzeln, sondern in Mengen.

Ich machte mir nicht soviel daraus, denn diese Schüsse waren weit weg, jedenfalls für mich, und mir war nicht so bewusst, da da was vor sich ging, was man Krieg nannte. Denn das Wort „Krieg“ wurde nie genannt. Vielleicht hatte ich es einmal gehört, aber ansonsten war es in unserer Familie nicht zu hören.

Ich merkte schon, dass sich meine Oma irgendwie Sorgen machte, aber über was sie sich Sorgen machte, das war mir nicht bewusst.

Doch eines Tages hörte ich von meinen Tanten, die bei der Oma im Quartier waren, wie sie erzählten, dass sie außerhalb der Ortschaft auf russische Panzer gestoßen seien, es seien rus­sische Panzer gewesen, und ein Panzerkommandant habe ihnen zugerufen, sie sollen weg­laufen, denn was hinter ihnen komme, sei brutal und hemmungslos. Meine Tanten haben dann auch die Kurve gekratzt.

Noch an diesem Tag erfuhr ich, dass deutsche Wehrmachtseinheiten die russischen Einhei­ten siebenmal zurückgedrängt hätten.

Für uns war es ein Glück, das konnte man schon so sagen. Aber die Sorgen blieben, denn wir suchten nach einem Weg, weiterzukommen, um in den Westen zu kommen, aber wie, das war scheinbar doch die große Frage.

Doch dann erschien ein Sanitätsfahrzeug der Waffen-SS. Ein Soldat fragte uns was wir hier machen würden. Meine Oma sagte dann, man warte hier auf ein Weiterkommen, aber es ginge nicht, weil alle Oderübergänge gesperrt seien.

Der SS-Oberstabsarzt meinte dann, das wir hier weg müssten, denn die Russen könnten zu jeder Zeit hier auftauchen, und man solle nur das Wichtigste mitnehmen.

Wir wurden alle in das Sanitätsfahrzeug verfrachtet, und dann ging die Reise los. Gegen Abend erreichten wir dann den Bahnhof in Stettin. Von hier aus konnten wir weiterreisen, denn einige Züge fuhren von hier nach Westen.

Aber jetzt blieben wir erst einmal im Bahnhof. Oma verschaffte uns Quartier, so dass wir zusammenbleiben konnten. Für selbst war es ein Abenteuer. Denn ich sah viele Menschen, mehr Menschen als je früher gesehen hatte. In Ostpreußen hatte ich viele Rinder, Schweine, Hühner, Gänse, aber auch Pferde gesehen. Hier waren es viele Menschen. Und irgendwie vermisste ich meinen Hund Prinz, einen kleinen Terrier, der eines Tages verschwunden war, aber schon in Ostpreußen, kurz bevor wir unsere Heimat verließen.

Wir blieben etwa eine Nacht im Bahnhof, als aufgerufen wurde, dass ein Zug für die Fahrt nach Berlin bereit stünde. Oma verfrachtete uns in den Zug. Man musste sich einmal vor­stellen, Oma hatte auch noch ein Kleinstkind zu versorgen, das etwa ein Jahr alt war. Alle Achtung, aber wir hatten jetzt eine Weiterfahrt, und die Rote Armee würde uns nicht mehr fangen.

Westen wird kommen, und es wird dein Untergang sein, sobald ich auftauche, welch ein Unsinn. Ich war glücklich, als es weiterging, zu neuen Erlebnissen und Abendteuern.




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