Sonntag, 3. Juli 2011

Auf Wiedersehen

Es muss im September oder Oktober 1944 gewesen sein, als meine Großmutter begann, das Federvieh zu schlachten. Ich war enttäuscht, und äußerte mich dahingehend, dass es keine Eier mehr zu essen gebe. Aber meine Oma tröstete mich dahingehend, dass sie nur sagte, dass wir für kurze Zeit den Ort verlassen müssten, aber wieder zurückkommen würden.

Mein Opa soll meiner Oma geraten haben, Ostpreußen zu verlassen, denn die Rote Armee werde bald kommen, und das Land besetzen. Er war nicht mein richtiger Großvater, denn zu ihm gab es biologisch gesehen, keinen genetischen Kontakt, er war sozusagen nur dem Na­men nach mein Großvater. Er war während des Krieges bei der Reichsbahn und hatte russi­sche Kriegsgefangene unter sich. Die sollen ihm geraten haben, seine Familie in Sicherheit zu bringen, wenn die Rote Armee Ostpreußen besetzen würde. Er hat es dann auch getan.

Ich verstand nicht viel von dem Tubatu, denn eigentlich war ich noch viel zu jung. Ich wusste jetzt nur, dass wir für einige Zeit wegziehen würden, und später würden wir wieder zurückkehren, um unser altes Leben zu führen.

Meine Großmutter hatte Pferd und Wagen vom Bauern Fabian besorgt, mit dem Fuhrwerk sind wir dann zur nächsten Bahn nach Schillen gefahren, und dort haben wir den nächsten Zug nach dem Westen bekommen.

Der Ortsgruppenleiter von Kettingen soll meiner Großmutter gesagt haben, sie dürfe Kettin­gen nicht verlassen, denn die Wehrmacht würde Ostpreußen erfolgreich verteidigen, aber meine Großmutter soll gesagt haben, er dürfe Ostpreußen verteidigen, aber gegen die Rote Armee, sie aber nicht, denn sie kenne ihre ehemaligen Landsleute.

So fuhren wir mit der Reichseisenbahn nach Westen, und für mich war es die erste Eisen­bahnfahrt meines Lebens.

Ich sagte: auf Wiedersehen mein geliebtes Ostpreußen, wir kommen bald wieder, dann wer­den wir uns wiedersehen, und es wird sich nichts geändert haben.

Es war wirklich die erste lange Fahrt, mit einigen längeren Haltestationen, dann wurde uns noch einiges geklaut, aber meine Großmutter nahm alles gelassen hin, denn wir waren am Leben und gesund, und zu essen hatten wir auch noch.

Im westlichen Ostpreußen und dem ehemaligen polnischen Korridor gab es sehr viele Be­wegungen von Wehrmachtseinheiten und einigen Kriegsgefangenen. Aber das alles nahm ich nicht so genau wahr, denn ich hatte sehr viele andere Dinge im Kopf, was so ein fast Vierjähriger auch damals hatte.

Dann erreichten wir bald Pommern. Wir hofften, so meine Großmutter, meine Mutter und meine fünf Tanten, die auch noch dabei waren, dass wir in Pommern noch etwas bleiben konnten, damit wir zur Ruhe kommen sollten. Aber wir hofften auch, dass uns die Rote Ar­mee nicht erwischen würde.

Aber soweit meine Großmutter erfahren konnte, war die Rote Armee noch weit weg. Und hätte es auch bleiben sollen.

An der Oder, in einem kleinen Ort war dann mit der Weiterfahrt Schluss, weil die Eisen­bahnbrücke über der Oder von Militär benutzt wurde, aber auch teilweise sehr beschädigt war. Also blieben wir im westlichen Pommern hängen, aber wir hofften auch, demnächst weiterfahren zu können.

Ich nahm es nicht so wahr, weil diese Reise für mich ein Abenteuer war, das mit nichts auf­gewogen werden konnte. So blieb es wirklich ein Abenteuer, ein Abenteuer fern der eigent­lichen Heimat Ostpreußen, die ich nicht vergessen konnte.

Ich dachte nur: auf Wiedersehen mein Ostpreußen.



Keine Kommentare: