Donnerstag, 5. Juni 2008

Beschneidung

Einer unter meinen Freunden, ob er noch lebt, weiß ich nicht, denn er ist mit seiner Familie einige Jahre nach dem 2.Weltkrieg weggezogen, dann brach auch der Kon­takt ab. Aber ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als wir mal baden wollten. Wir hatten damals keine Badehosen, also ging es nackt in Wasser. Dabei sahen wir, daß dem Freund die Vorhaut fehlte. Anfangs dachten wir uns nichts dabei, aber dann kam einer von uns darauf zu fragen, warum man ihm die Vorhaut weggeschnitten ha­be.

Er sagte dann, was man ihm erzählte, und das soll ein Onkel von ihm gewesen sein. Eines Tages sei einer mit einigen Flaschen Wein erschienen, und man freute sich schon auf das Weintrinken, aber dann sagte der Besitzer des Weines, daß ma diesen Wein nur trinken könne, wenn ein heilige oder gesegnete Handlung vorgenommen werde. Man überlegte. Die einen schlugen das Abendmahl vor, aber man verwarf diese Idee, weil ein Priester fehlte. Dann meinte einer, man solle die alten Götter nehmen, denn die seien bei den Germanen auch heilig gewesen. Man überlegte und war dann der Meinug, die hatten Met zum Saufen, aber keinen gesegneten Wein.

Sie alle saßen da und suchten verzweifelt nach etwas, was ihnen berechtigte, den ge­segneten Wein zu trinken, und dann plötzlich kam der Gedanke: Man müsse jemand, der nicht beschnitten ist beschneiden, sowie es im jüdischen und islamischen Glau­ben der Brauch ist. Und da man als Christ diesen Glaubensrichtungen nahestehe, sei es doch auch gerecht, einen Christen zu beschneiden.

Alle schauten sich an, so nach dem Motto: wer läßt sich freiwillig die Vorhaut be­schneiden. Aber die edlen Köpfe mit den germanischen Gesichter wanderten mit dem Blick zur Decke, bis die Blicke der edlen Männer sich auf ein Kinderbettchen einpen­delten, man schwieg noch.

So, jetzt haben wir jemand, der noch unschuldig ist und der noch nicht beschnitten wurde“, meinte der Weinbesitzer, „und jetzt können wir die heilige Handlung vollzie­hen, um den gesegneten Wein zu trinken.“

So wurde an mir eine heilige Handlung vollzogen, damit die Alten ihren Wein sau­fen konnten“, sagte unser Freund.

Wir haben gelacht, weil er noch meinte, das wäre ein Jux von seinem Onkel und des­sen Freunde gewesen, was man ihm später erzählte.

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