Freitag, 25. April 2008

Gnade vor Recht

Heute fiel mir etwas auf, was ich schon als Kind gehört hatte: „Gnade vor Recht“. Was bedeutet es „Gnade vor Recht“? Wird das Recht ausgeblendet, wenn dafür die Gnade an der Stelle des Rechts treten soll? Wird damit eine rechtslose Zeit eingeläu­tet, die alles auflöst, was einst zu einem hochentwickelten Rechtswesen aufgebaut wurde?

Aber, meine lieben Liebenden, so schlimm ist es nicht, unser Rechtssystem zeigt schon erhebliche Löcher auf, besonders in dem bereich der Vermögensdelikte, weil man den Betrug nicht mehr so ernst nimmt, denn die Strafverfolgungsbehörden schieben gerne ein derartiges Verfahren von sich, nach dem Motto, alles lange liegen lassen, dann löst sich der Fall von selbst, oft in die Verjährung.

Aber ich kehre jetzt zu dem ursprünglichen Thema zurück. Gnade vor Recht ergehen lassen, das ist mir auch schon einmal passiert, als ich so 13 Jahre alt war, in dem besten Abschnitt meiner Sturm- und Drangzeit. Ich fehlte oft im Konfirmandenunter­richt, in einem Jahr war ich vielleicht zehnmal anwesend gewesen, als dem Pastor doch auffiel, er war an dem Tage wütend, daß seiner zukünftigen Konfirmanden fehl­ten, auch ich lieber Brutus: du kannst ruhig sagen, daß du damals an der Tötung von Cesar beteiligt warst, ich nicht.

Jetzt kam die Stunde der Abrechnung und der Pastor sagte: mein sei die Rache. Ich mußte dann bei ihm antanzen, zum großen Rapport, aber nicht im großen Dienstan­zug mit Stahlhelm wie bei der Bundeswehr. Er hielt mir eine schöne Predigt, die bei mir in ein Ohr hineinging und durch das leere Gehirn zur anderen Seite wieder hin­aus. Nur dann sagte er: „Ich werde noch einmal Gnade vor recht ergehen lassen, ei­gentlich hätte ich dich aus dem Konfirmandenunterricht hinauswerfen sollen.“ Ich tat darauf sehr unterwürfig, kniete mich vor im nieder, nahm seine Hand, sagte dan­ke, und wollte seine Hand küssen, aber dann zog er die Hand schnell zurück, und sah anschließend auf die selbe. Ich denke, er hatte seine Finger gezählt, ob die noch dran waren.

Der Pastor hatte nach dem evangelischen Kirchengesetz das Recht, mich aus dem Unterricht zu entfernen und mir die Konfirmation zu verweigern. Ich hätte das nicht als schlimm empfunden. Aber er hat in seiner unendlichen Gnade noch einmal davon abgesehen, von seinem Recht Gebrauch zu machen, mich aus dem Unterricht zu ent­fernen, so wurde ich dann auch konfirmiert. Die Gnade des Pastors war unendlich, aber jedesmal wenn er mich sah, schaute er mich böse an.

Später, während meines Dienstes bei der Justiz, gab es einigemale den Hinweis auf „Gnade vor Recht“, aber nur in den wirklichen Gnadensachen, wenn jemand vorzei­tig aus der Haft entlassen wurde, aber mir ging es nur um das Recht, ob ein Rechts­anspruch auf frühzeitige Haftentlassung bestand, das war mir sehr wichtig, was auch in den meisten Fällen bestand.

Ich schere mich nicht um „Gnade vor Recht“, weil mir das Recht wichtiger er­scheint, obwohl es genauer gesehen, kein Recht gibt, denn das Recht ist blind, und es wird von Menschen gesprochen. Wer von einem sozialen Rechtsstaat redet, der ist naiv, weil es auch bei uns nur das Recht des Stärkeren gibt, hier ist der Stärkere ver­mögend, also kann er sich die besten Anwälte leisten.

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