Montag, 3. März 2008

Frauen können eher loslassen

Ich habe oben über den sterbenden Mann geschrieben, weil der Mann als Sterbender länger kämpft. Frauen hingegen kämpfen auch gegen eine schwere Krankheit unter der sie leiden, aber sie schätzen die Chancen für ein Überleben in diesem Kampf bes­ser ein, denn sie wissen, wann es an der Zeit ist, sich von allem loszulassen.

Eine Frau ist an Krebs erkrankt. Die Ärzte sind nicht ehrlich zu ihr, denn sie sagen, sie habe nur dann eine Chance zur Heilung, wenn sie sich einer Chemo-Therapie un­terziehe.

Sie gleubt den Ärzten, aber in der Tiefe der Seele fühlt, dass diese Krankheit über­mächtig ist, aber sie sieht ihre Kinder, Enkelkinder und ihren treuen Mann. Sie sagt sich, es lohnt sich für diese gegen die Krankheit zu kämpfen. So nimmt sie die Strapa­zen der Therapie auf sich, und hofft auf das Wunder, wieder gesund zu werden.

Aber hoffen wir Menschen, nicht alle auf ein Wunder, wenn wir in einer für uns aus­weglos erscheinende Situaiton sind? Natürlich hoffen wir alle, weil wir Menschen sind. Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Tieren ist, ob sie die Hoffnung kennen.

Die Frau wird dann nach Hause geschickt. Der Chefarzt meint, die Therapie habe gut angeschlagen, und er macht ihr noch Vorschläge, wie sie sich in den nächsten Wochen und Monaten verhalten soll, bis sie zur Nachkontrolle kommt.

Die Frau kehrt in den Kreis der Lieben zurück. Sie ist froh, wieder in der Familie zu sein, wo sie den Schutz vor dem Alleinsein mit ihrer Krankheit findet. Sie hält sich an den Regeln, die ihr der Arzt aufgestellt hat, was die Frauen machen, im Gegegnsatz zu den Männern. Weil sie weiß, dass die Krankheit auch weiter in ihr steckt, auch wenn man es nicht sieht. Sie verbindet die Krankeit über die Verhaltensregeln mit dem Leben in ihrer Familie. Da zeigt die Frau ihr multiples Denken und Handeln.

Die erste Kontrolle bringt ein negatives Ergebnis, es gibt keine Anzeichen von einer Krebserkrankung. Sie ist im ersten Moment glücklich, aber sie weiß auch, dass es noch nicht vorüber ist, und so lebt sie weiter und kämpft leise mit den Verhaltens­massnahmen der Medizin gegen die jetzt unsichtbare Krankheit.

Eine Kontrolle nach einem Jahr bringt wieder das Ergebnis, dass sie frei von Meta­stasen ist. Die Ärzte gratulieren der Frau, aber sie bitten sie, in vier Jahren wieder zur Kontrolle zu kommen.

Die Frau ist natürlich glücklich über das gute Ergebnis, sie bleibt weiterhin ruhig und beginnt ihr Leben neu zu ordnen. Sie hält sich weiterhin an die Verhaltensregeln der Klinik, denn sie spürt, dass die Krankheit nicht so schnell aufgibt, aber sie will dem erneuten Ausbruch der Krankheit besser begegnen können.

Jetzt sind die vier Jahre um. Sie geht zur Kontrolle in die Klinik. Unbewusst spürt sie, dass in ihrem Körper etwas ist, aber es tut nicht weh. Frauen spüren es, wenn sich in ihrem Körper etwas entwickelt, das eine Krankheit sein könnte.

Im Gespräch mit dem Arzt, weißt sie auf die Symptome hin. Sie wird untersucht. Da­nach erscheint der Chefarzt mit einem sehr ernsten Gesicht. Die Patientin liegt im Bett und wundert sich anfangs darüber, warum der Chefarzt ausserhalb der Visite bei ihr erscheint. Der Arzt setzt auf den Bett der Patientin, schaut sie an und meint, der Kreis sei zurückgekommen, und er sei in einem Stadium, in dem es keine Rettung mehr gebe.

Die Patientin weint. Der Arzt tröstet sie, aber er weiß, es gibt keinen Trost. Die Pati­entin bleibt auf den Einzelzimmer. Jetzt eine Stunde nach der Nachricht ist sie ruhi­ger geworden. Sie denkt an ihren Ehemann, es war eine gute harmonische Ehe. Dann denkt sie an ihre Kinder, die sind wunderbar, sie hatte viel Freude an diesen Kin­dern. Zuletzt denkt sie an die Enkelkinder, jetzt werden sie ohne Oma aufwachsen, und das tut ihr eigentlich weh.

Mit diesen Gedanken löst sie sich langsam von ihrer Familie und von dem Leben. Sie kämpft nicht mehr, sondern verbringt mit der ihr verbliebenden Kraft in Gedanken an die Vergangenheit, aber nur an die schönsten Erlebnisse in ihrem Leben. Sie ist mit allem zu frieden.

Das Krankenzimmer liegt in einem Dämmerlicht, und sie sieht eine dunkle Gestalt. „Bist du es Gevatter Tod?“ fragt sie. „Ja, meine Liebe, ich bin jetzt zu dir gekom­men, aber du hättest nicht fragen sollen, ob ich es bin, du hast es doch gewusst“, sagt der Gevatter Tod. Er geht zu ihrem Bett, und setzt sich auf die Bettkante. „Du hast schon vom Leben losgelassen, sowie ich es sehe“, sagt der Tod.

Ja, warum soll ich auch kämpfen, wenn es keinen Sinn zum Kämpfen gibt“, sagt die Frau. Gevatter Tod streichelt ihre wenigen Haare auf dem Kopf. „Ich habe gar kei­ne Schmerzen mehr“, sagt die Frau erleichtert. „So ist es immer, meine Liebe, wenn ich da bin, dann verschwinden alle Schmerzen, un die Sehnsucht, in meinen Armen zu ruhen wird dann grösser“, sagt der Tod lächelnd.

Die Frau hört auf zu atmen. Auf ihrem Gesicht ist ein strahlendes Lächeln. Ihre Seele verlässt den Körper, und der Tod nimmt die Seele in seine Arme auf, und die Seele fühlt sich geborgen. Der Tod steht und verlässt das Zimmer, und in seinen Armen ruht die Seele. „Sie hat vom Leben rechtzeitig losgelassen, darum sind ihre seeli­schen Qualen nicht da“, murmelt der Tod.

Die Krankenschwester betritt das Zimmer, geht zum Bett der Patientin, spricht sie an, aber die antwortet nicht. Die Schwester fühlt den Puls, aber der schlägt nicht mehr. Sie ruft nach einem Arzt, der bald erscheint, und den Tod der Frau feststellt. Er sieht in das Gesicht der Frau und sagt: „Sie hat einen schönen Tod gehabt.“

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