Mittwoch, 17. Januar 2007

Der Grenzstein

Es ist eine Geschichte, über die ich heute noch nachdenke, und die mir manchmal etwas komisch vorkommt.

Ich mochte etwa 12 Jahre alt gewesen sein, als ich an einem Septemberabend nach Hause ging. Auf meinem Weg musste ich an einem kleinen Wäldchen vorbei, und an diesem Wäldchen schlossen sich Felder und Wiesen an. Hier möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich in Nordfriesland aufgewachsen bin.

Es war schon Dunkel, aber diese Dunkelheit machte mir nichts aus, ich pfiff auch keine Melodie. Als ich am Wäldchen vorbei war, schaute ich nach rechts zu der freien Fläche und sah, wie eine dunkle Gestalt an einem Wiesenrain hin- und herging. Natürlich blieb ich stehen, denn es war für mich ein amüsantes Schauspiel.

Mir fiel dann auf, dass die Gestalt einen Gegenstand auf der Schulter trug. Oh, dachte ich, da muss jemand nicht alle an der Lampe haben, aber jetzt bestimmte meine Neugier das kommende Geschehen.

Vorsichtig pirschte ich zum nächsten tieferen Graben, in dem kein Wasser war, und pirschte in diesem Graben in Richtung des Ortes, wo die Gestalt wanderte.

Bald hatte ich die richtige Stelle erreicht, von wo aus ich einen guten Überblick auf das ganze Geschehen hatte.

Jetzt erst sah ich, dass die Gestalt von der Statur her, ein Mann war, aber sein Gesicht konnte ich nicht sehen, es sah aus wie ein dunkler Fleck. Aber welchen Gegenstand er auf der Schulter trug, das war gut zu erkennen, einen alten Grenzstein.

Im Auf- und Ablaufen hörte ich immer Gemurmel, das von der Gestalt kam: „Wo soll ich den Stein hintun, wo soll ich den Stein hintun“.

Jetzt musste ich doch in Aktion treten, und als die Gestalt wieder auf meiner Höhe war, rief ich: „Tu ihn dahin, wo du ihn hergeholt hast“.

Doch was geschah. Ich hatte mich schon zum Abhauen bereit gemacht, aber, haltet euch fest, die Gestalt verschwand. Ich habe da vielleicht blöd geguckt. Gut, ich konnte leider nicht in den Spiegel gucken.

Ich bin nach Hause gegangen, aber hatte mir vorgenommen, in den nächsten Tagen der Sache auf den Grund zu gehen.

So kam ich mit Ingwer Andresen ins Gespräch, weil er sich in diesen Geschichten sehr gut auskannte. Und ich erzählt ihm das Erlebte.

Er erzählte mir dann:

Es sei der reiche Bauer Petersen gewesen, der vor 250 Jahren Grenzsteine versetzte, um zu mehr Ländereien zu kommen. Dabei sei er vom Kleinbauern Hansen erwischt worden, und der habe Petersen vor Gericht gebracht. Dort habe Petersen beteuert, dass er keine Grenzsteine versetzt habe, und habe einen Eid auf seine Aussage geschworen, so mit Kruzifix und brennenden Kerzen. Das Gericht habe Petersens Aussage als richtig bewertet, und der Kleinbauer Hansen habe die ganzen Gerichtskosten tragen müssen. Hansen habe alles verkaufen müssen und sei einige Jahre später verarmt gestorben. Vor seinem Tode habe er noch Petersen und den zuständigen Richter verflucht. Der Richter sei drei Monate später überfallen und grausam zerstückelt worden. Petersen habe jeden Abend einen Grenzstein an den Feldrainen entlangtragen müssen.

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